WirtschaftsBlatt - Leitartikel: Der Kreml erobert die Macht in Moskau von Andre Ballin

Es geht um die Neuaufteilung von Privilegien und Besitzständen

Wien (OTS) - Der Kreml ist das Machtzentrum Russlands. Doch knapp zwei Jahrzehnte lang war das Rathaus an der Edelmeile Twerskaja für Moskau fast die wichtigere Adresse. Oberbürgermeister Juri Luschkow hatte ein schier unentwirrbares Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Verbindungen geknüpft, die ihn - wie es schien -unantastbar machten.

Keine Stadt in Russland sei so korrupt wie Moskau, erklären Luschkows Kritiker. Richtig ist, rund 80 Prozent des Kapitals sind in Moskau konzentiert. Und der Moskauer Oberbürgermeister wusste dieses Kapital zu nutzen. Einen gewaltigen Strom der Kapitalflüsse lenkte Luschkow am Kreml vorbei.

Jelena Baturina, Luschkows Ehefrau, ist die einzige Dollarmilliardärin Russlands. Ihr Baukonzern Inteko hat von der Protektion der Stadtverwaltung profitiert. Doch hätte sich Luschkow nur selbst bereichert, wäre es einfacher für den Kreml gewesen, ihn aus dem Sessel zu hieven - immerhin haben Putin und Medwedew das seit Jahren gemeinsam versucht. Das System Luschkow hat viele reich gemacht. Und dementsprechend viele waren Luschkow auch verpflichtet.

Erst peu á peu konnte der Kreml den Moskauer Filz beseitigen: Durch das Wegloben von Luschkows Vizebürgermeistern, aber auch durch die Schließung der Casinos und des großen Moskauer Chinesenmarktes Tscherkisowo, der von einem mit Luschkow befreundeten Geschäftsmann geleitet wurde und Dollarumsätze im dreistelligen Millionenbereich in die Kassen des Luschkow-Clans spülte. Korruptionsermittlungen gegen Vertraute Luschkows waren die letzte Breitseite vor dem Sturm des Rathauses.

Jetzt darf Medwedew den neuen Bürgermeister bestimmen - einer von Putin vor Jahren eingeführten Regel, dass Gouverneure nicht mehr gewählt werden, sei Dank. Hinter den Kulissen laufen bereits knallharte Verhandlungen über diese Personalie, soviel ist sicher.

Denn auch der Kreml hat nicht aus reiner Nächstenliebe zu den Moskauern und ihrer Korruptionsmüdigkeit gehandelt. Es ging um die Ausschaltung eines parallelen Machtzentrums zum Kreml und natürlich um die Kontrolle über die Geldströme, die bislang dem Luschkow-Clan zugeflossen sind. Es wird zunächst einmal eine Neuaufteilung der bisherigen Privilegien und Besitzstände geben.

Das bietet den bisher zu kurz Gekommenen (oder denen, die sich dafür halten) neue Chancen. Ob aber die Korruption damit abnehmen wird, darf bezweifelt werden.

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