WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Ein EU-Gipfel im Zeichen des Realismus - von Michael Laczynski

Europäische Union hat den Wettlauf nach Seoul klar gewonnen

Wien (OTS) - Als US-Präsident George W. Bush am 3. Februar 2006
vor die Kameras trat, um zu verkünden, die Vereinigten Staaten und Südkorea hätten Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen begonnen, wurde die EU am falschen Fuß erwischt. In Hoffnung auf einen baldigen Abschluss der multilateralen WTO-Freihandelsrunde von Doha hatten die Handelsdiplomaten der Union nämlich alle bilateralen Bemühungen hintangestellt und sich ausschließlich auf die internationale Überzeugungsarbeit konzentriert.

Aus der damaligen Perspektive war diese Haltung lobenswert und verständlich, doch die Geschichte nahm, wie wir heute wissen, eine andere Wendung: Im Genfer Hauptquartier der Welthandelsorganisation flogen die Fetzen, die Doha-Runde kam und kam nicht vom Fleck - und so kam es, dass am 7. Mai 2007 Brüssel und Seoul ihrerseits bilaterale Verhandlungen aufnahmen. Beim gestrigen Sondergipfel der EU wurde der erfolgreiche Abschluss verkündet, das Freihandelsabkommen mit Südkorea tritt kommendes Jahr in Kraft. Und die USA? Sie verhandeln nach wie vor, und das bisher Erreichte wird langsam zwischen Senat, Repräsentantenhaus und Präsidentschaftskanzlei zerrieben. Europa hat den Wettlauf nach Seoul klar gewonnen.

Dass der Sondergipfel in Brüssel die Beziehungen zu strategischen Partnern der Union zum Leitmotiv erhoben hat, zeugt einerseits vom Realismus, ist anderseits aber ein Zugeständnis des Scheiterns. Realistisch ist die Haltung deshalb, weil sich heute niemand um die multilaterale Perspektive zu scheren scheint - wie etwa die vorgestrige Intervention Japans gegen den Yen beweist, die weder mit den USA noch mit der EU abgesprochen war. Vor allem China hat diese solipsistische Politik zur Perfektion geführt und damit alle anderen unter Zugzwang gebracht. Im Welthandel ist sich heute jeder selbst der Nächste. Und diejenigen, die nicht aus einer Position der Stärke verhandeln können und auf die multilateral ausverhandelten Regeln der WTO angewiesen sind, müssen selbst schauen, wie sie weiterkommen.

An dieser Stelle ist daher Lob für die EU angebracht. Sie sorgt dafür, dass wenigstens innerhalb Europas halbwegs faire Spielregeln gelten. Und sie schützt kleine Länder wie Österreich davor, zum Spielball der Mächtigen zu werden.

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