- 09.09.2010, 19:23:54
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Demokratie kann ein echtes Dilemma sein" (Von Frido Hütter)
Ausgabe vom 10.9.2010
Graz (OTS) - Die Affäre um den amerikanischen Koran-Verbrenner
ist in sich von unüberbietbarer Schlichtheit. Und andererseits hat
sie zahlreiche interessante Aspekte.
Da sind einmal ein als Priester verkleideter Falott namens Terry
Jones und seine knapp 50(!!) Schäfchen, die morgen ein Buch
verbrennen wollen. So weit, so läppisch. Selbst wenn man den Horror
der Nazi-Buchverbrennungen im Bewusstsein trägt, muss man es
akzeptieren, wenn jemand die Bedeutung einer Schrift auf ihren
Heizwert reduzieren will. Eine liberale Gesellschaft hält das ebenso
aus wie eine stabile Religionsgemeinschaft.
Der publizistische Hurrikan, den die bloße Ankündigung dieser
bösartigen Provinzveranstaltung auslöste, ist in Ausmaß und Wirkung
vergleichslos. Der unbedeutende Herr Jones ist in diesen Tagen auf
allen Kanälen, Online-Foren quellen über, Minister und Präsidenten
nehmen Stellung, auch der Papst. Und ohne es zu wollen, beschert
deren Einspruch dem verantwortungslosen Populisten das wichtigste
Kapital der Medienwelt, exorbitante Aufmerksamkeit.
Natürlich auch in der islamischen Welt. In dieser gibt es bekanntlich
eine durchaus größere Fangemeinde diverser Abfackelungen und die ist
bereits allerorten in Aufruhr.
Im nämlichen Fall wird es wohl nicht dabei bleiben. Man muss kein
Afghanistan-General sein, um in der Folge von Terry Jones'
verantwortungslosem Treiben Terror und Totschlag zu befürchten. Da
die islamische Glaubensgemeinschaft in zahlreichen Fraktionen
strukturiert ist, fehlt es an globalen Autoritäten, die von den
gewaltorientierten Randschichten wirksam gottgefällige Vernunft
einfordern könnten.
Zumal also evident ist, dass Terry Jones mit seiner Aktion
Menschenleben gefährdet, steht auch das amerikanische Rechtssystem
auf dem Prüfstand. Wer in den USA mit einer offenen Bierdose im Auto
erwischt wird, kann durchaus mit kurzer Haft rechnen. Und würde Jones
in einem Supermarkt seinen Hintern entblößen, würde er in
Handschellen abgeführt. Und in Guantanamo saß so mancher ohne
ordentliches Verfahren jahrelang ein.
Im Namen der Meinungsfreiheit, dem wohl höchsten Gut jeder
Demokratie, darf Jones aber mit einer absolut widerwärtigen Handlung,
die ganz bewusst Menschenleben riskiert, ungeschoren bleiben. Das ist
grotesk.
Strolche wie er setzen eine freie Gesellschaft enorm unter Druck und
sie liefern weltweit den Antidemokraten jenen Sprengstoff, nach dem
sie lechzen. Demokratie kann manchmal wirklich ein Dilemma sein.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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