"Kleine Zeitung" Kommentar: "Demokratie kann ein echtes Dilemma sein" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 10.9.2010

Graz (OTS) - Die Affäre um den amerikanischen Koran-Verbrenner
ist in sich von unüberbietbarer Schlichtheit. Und andererseits hat sie zahlreiche interessante Aspekte.

Da sind einmal ein als Priester verkleideter Falott namens Terry Jones und seine knapp 50(!!) Schäfchen, die morgen ein Buch verbrennen wollen. So weit, so läppisch. Selbst wenn man den Horror der Nazi-Buchverbrennungen im Bewusstsein trägt, muss man es akzeptieren, wenn jemand die Bedeutung einer Schrift auf ihren Heizwert reduzieren will. Eine liberale Gesellschaft hält das ebenso aus wie eine stabile Religionsgemeinschaft.

Der publizistische Hurrikan, den die bloße Ankündigung dieser bösartigen Provinzveranstaltung auslöste, ist in Ausmaß und Wirkung vergleichslos. Der unbedeutende Herr Jones ist in diesen Tagen auf allen Kanälen, Online-Foren quellen über, Minister und Präsidenten nehmen Stellung, auch der Papst. Und ohne es zu wollen, beschert deren Einspruch dem verantwortungslosen Populisten das wichtigste Kapital der Medienwelt, exorbitante Aufmerksamkeit.

Natürlich auch in der islamischen Welt. In dieser gibt es bekanntlich eine durchaus größere Fangemeinde diverser Abfackelungen und die ist bereits allerorten in Aufruhr.

Im nämlichen Fall wird es wohl nicht dabei bleiben. Man muss kein Afghanistan-General sein, um in der Folge von Terry Jones' verantwortungslosem Treiben Terror und Totschlag zu befürchten. Da die islamische Glaubensgemeinschaft in zahlreichen Fraktionen strukturiert ist, fehlt es an globalen Autoritäten, die von den gewaltorientierten Randschichten wirksam gottgefällige Vernunft einfordern könnten.

Zumal also evident ist, dass Terry Jones mit seiner Aktion Menschenleben gefährdet, steht auch das amerikanische Rechtssystem auf dem Prüfstand. Wer in den USA mit einer offenen Bierdose im Auto erwischt wird, kann durchaus mit kurzer Haft rechnen. Und würde Jones in einem Supermarkt seinen Hintern entblößen, würde er in Handschellen abgeführt. Und in Guantanamo saß so mancher ohne ordentliches Verfahren jahrelang ein.

Im Namen der Meinungsfreiheit, dem wohl höchsten Gut jeder Demokratie, darf Jones aber mit einer absolut widerwärtigen Handlung, die ganz bewusst Menschenleben riskiert, ungeschoren bleiben. Das ist grotesk.

Strolche wie er setzen eine freie Gesellschaft enorm unter Druck und sie liefern weltweit den Antidemokraten jenen Sprengstoff, nach dem sie lechzen. Demokratie kann manchmal wirklich ein Dilemma sein.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001