"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Nahe Osten braucht jetzt historische Gesten" (Von Gil Yaron)

Ausgabe vom 30.08.2010

Graz (OTS) - Seit siebzehn Jahren verhandeln Israelis und Palästinenser erfolglos miteinander. Nun beginnt in Washington eine neue Gesprächsrunde. Die allseitige Skepsis ist berechtigt: Scheinbar hat sich nur wenig verändert, höchstens zum Schlechten. Die USA sind aufgrund der Weltwirtschaftskrise und zweier Kriege geschwächt. Der Iran, Schutzmacht der Extremisten, erstarkt hingegen. In Israel regiert eine rechtslastige Koalition, die ihren Premier Benjamin Netanjahu stürzen will, sobald er Zugeständnisse macht. Die Palästinenser sind gespalten, ohne Aussicht auf Versöhnung zwischen Islamisten in Gaza und Pragmatikern in Ramallah. Das Mandat des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas lief bereits vor acht Monaten aus, Wahlen wurden wiederholt verschoben.

Sollten die Gespräche wegen der Frage des Siedlungsbaus nicht Ende September enden, drohen Raketenangriffe und Attentate der Islamisten, um Israel zu provozieren und die Verhandlungen zusammenbrechen zu lassen.

Trotz allem - es ist kein Déjà-vu. Beide Seiten sind einander nähergekommen. Die Differenzen in den Grenzfragen sind nicht größer als die Fläche von Graz und Klagenfurt zusammen. Auch die öffentliche Meinung ist in vielen Fragen pragmatischer: Palästinenser haben erkannt, dass es alternative Lösungen für ihr Flüchtlingsproblem geben muss. In Israel gingen einst Hunderttausende auf die Straßen, als die Teilung Jerusalems besprochen wurde. Heute löst dieselbe Debatte bei vielen nur gelangweiltes Gähnen aus.

Die Interessenlage ist also nicht hoffnungslos. Frieden scheint greifbar nah, das Problem ist der Weg dorthin. Hier geht es um Symbole, nicht Fakten. Israelische Existenzangst steht palästinensischer Würde gegenüber. Der eine fordert deswegen Demilitarisierung, der andere eine stolze Armee. Der Tempelberg ist keine 144.000 m2 große Immobilie, sondern Fundament der Identität beider Völker.

Diese Debatte wird nicht durch Geld und Kompromisse entschieden. Netanjahu und Abbas müssen nicht feilschen, sondern führen. Das Nationalepos beider Völker braucht einen neuen Kontext: Frieden ist nur mehrheitsfähig, wenn Palästinenser die Aufnahme ihrer Flüchtlinge zum moralischen Sieg umdeuten und Israelis einen Gewinn darin sehen, dass Palästinenser das Grab des Stammesvaters Josef in Nablus verwalten. Abbas und Netanjahu müssen mit historischen Gesten versöhnen. Nur dann sind Lösungen, die die Bürokraten bereits gefunden haben, auch umsetzbar.****

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