• 29.08.2010, 19:33:56
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Nahe Osten braucht jetzt historische Gesten" (Von Gil Yaron)

Ausgabe vom 30.08.2010

Graz (OTS) - Seit siebzehn Jahren verhandeln Israelis und
Palästinenser erfolglos miteinander. Nun beginnt in Washington eine
neue Gesprächsrunde. Die allseitige Skepsis ist berechtigt: Scheinbar
hat sich nur wenig verändert, höchstens zum Schlechten. Die USA sind
aufgrund der Weltwirtschaftskrise und zweier Kriege geschwächt. Der
Iran, Schutzmacht der Extremisten, erstarkt hingegen. In Israel
regiert eine rechtslastige Koalition, die ihren Premier Benjamin
Netanjahu stürzen will, sobald er Zugeständnisse macht. Die
Palästinenser sind gespalten, ohne Aussicht auf Versöhnung zwischen
Islamisten in Gaza und Pragmatikern in Ramallah. Das Mandat des
palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas lief bereits vor acht
Monaten aus, Wahlen wurden wiederholt verschoben.

Sollten die Gespräche wegen der Frage des Siedlungsbaus nicht Ende
September enden, drohen Raketenangriffe und Attentate der Islamisten,
um Israel zu provozieren und die Verhandlungen zusammenbrechen zu
lassen.

Trotz allem - es ist kein Déjà-vu. Beide Seiten sind einander
nähergekommen. Die Differenzen in den Grenzfragen sind nicht größer
als die Fläche von Graz und Klagenfurt zusammen. Auch die öffentliche
Meinung ist in vielen Fragen pragmatischer: Palästinenser haben
erkannt, dass es alternative Lösungen für ihr Flüchtlingsproblem
geben muss. In Israel gingen einst Hunderttausende auf die Straßen,
als die Teilung Jerusalems besprochen wurde. Heute löst dieselbe
Debatte bei vielen nur gelangweiltes Gähnen aus.

Die Interessenlage ist also nicht hoffnungslos. Frieden scheint
greifbar nah, das Problem ist der Weg dorthin. Hier geht es um
Symbole, nicht Fakten. Israelische Existenzangst steht
palästinensischer Würde gegenüber. Der eine fordert deswegen
Demilitarisierung, der andere eine stolze Armee. Der Tempelberg ist
keine 144.000 m2 große Immobilie, sondern Fundament der Identität
beider Völker.

Diese Debatte wird nicht durch Geld und Kompromisse entschieden.
Netanjahu und Abbas müssen nicht feilschen, sondern führen. Das
Nationalepos beider Völker braucht einen neuen Kontext: Frieden ist
nur mehrheitsfähig, wenn Palästinenser die Aufnahme ihrer Flüchtlinge
zum moralischen Sieg umdeuten und Israelis einen Gewinn darin sehen,
dass Palästinenser das Grab des Stammesvaters Josef in Nablus
verwalten. Abbas und Netanjahu müssen mit historischen Gesten
versöhnen. Nur dann sind Lösungen, die die Bürokraten bereits
gefunden haben, auch umsetzbar.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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