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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Vorsicht Superlativ"
Ausgabe vom 19. August 2010
Wien (OTS) - Für die Opfer der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko
gab es keine Spendenaufrufe. Für die Schäden muss schließlich der
finanziell höchst potente Weltkonzern BP aufkommen. Aber hätte es sie
gegeben, die monumentale Katastrophenberichterstattung in den Medien
rund um den Globus hätte locker die Geldbörsen der Spender geöffnet.
Dabei stellt sich mit zunehmender zeitlicher Distanz die Frage nach
den Dimensionen dieses Unglücks für Mensch und Natur in einem neuen
Licht dar. Noch ist es zweifellos zu früh für ein abschließendes
Urteil über die Folgen des Öllecks; aber es mehren sich die Indizien,
dass die Horrormeldungen der vergangenen Wochen und Monate
übertrieben gewesen sein könnten.
Für diese - vorerst noch: mögliche - Fehleinschätzung gibt es
sachliche Gründe. Das Unglück ereignete sich im unmittelbaren
Einzugsbereich der weltweit mächtigsten News-Maschinerie, den USA.
Unzählige Kamerateams und Reporter steigen sich auf ihrer rastlosen
Hatz nach Stories gegenseitig auf die Füße, Meinungsmacher geben der
Sache unmittelbar nach Ausbruch ihren Drall. Und dazu kommt, dass
Öl-Katastrophen offensichtlich in die Liga der archetypischen
Unglücksfälle unserer Zeit aufgestiegen sind. Ein Bild mit einem
ölverschmierten Vogel muss irgendeine besonders tiefreichende
emotionale Reaktion in uns auslösen . . . Es lässt sich ja auch
praktischerweise gut mit radikaler Kapitalismuskritik verbinden, von
wegen "Raffgier" und "Mega-Konzerne".
Dahinter steckt aber auch eine fatale innere Medien-Logik: So wie
Bürokratien aus sich selbst heraus wachsen, müssen Medien ihre
Inhalte ungeachtet deren tatsächlichen Gewichts aufblasen. Und dabei
gilt: Je unseriöser das Medium, desto größer die Übertreibung, wobei
jedoch grundsätzlich keiner davor gefeit ist. Die Versuchung zum
Superlativ steckt in jedem Journalisten. Und gegen den Strom zu
schwimmen ist niemals leicht.
Für die Millionen Flutopfer in Pakistan, so klagen jedenfalls die
professionellen Spendensammler, fällt der Griff zum Geldbörsel in
unseren Breiten sehr viel schwerer. Diese Menschen sind tatsächlich
um ihr gesamtes Hab und Gut gekommen. Aber auch die Mechanismen von
Mitleid sind schwer zu entschlüsseln.
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
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Tel.: +43 1 206 99-474
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