"Kleine Zeitung" Kommentar: "In der größten Not zeigt Wladimir Putin Stärke" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 9.8.2010

Graz (OTS) - Die Brandkatastrophe in Russland hat ein apokalyptisches Ausmaß angenommen. Dutzende Menschen sind gestorben. Ganze Dörfer gehen in Flammen auf, Soldaten flüchten aus brennenden Kasernen, riesige Weizenfelder und Wälder verbrennen und die Luft in der Metropole Moskau vernebelt mittlerweile auch die Gänge der U-Bahn.

In diesen Tagen braucht Russland wenigstens etwas gut Sichtbares:
eine markante Führung. Und die hat es. In der Person von Wladimir Putin. Der Ministerpräsident versteht sich als Seelentröster. Er spricht erschöpften Feuerwehrmännern und Soldaten Mut zu, schüttelt hemdsärmelig die schwieligen Hände von alten Babuschkas, die im Feuer alles verloren haben, er verspricht allen Feueropfern, deren Häuser rasch wieder aufbauen zu lassen und er kanzelt öffentlich Behördenchefs ab, die zu wenig getan haben gegen die Walze aus Feuer und Rauch.

Als zu Beginn seiner Amtszeit - damals noch als Staatspräsident - die Besatzung des Atom-U-Bootes Kursk auf dem Grund der Barentssee verzweifelt um ihr Leben kämpfte, urlaubte der oberste aller Russen ungerührt im sonnigen Sotschi am Schwarzen Meer. Das hat die Russen damals empört.

Doch diesmal ist Putin mitten im Geschehen und vermittelt den Eindruck des rührigen Machers, der die Sorgen und Nöte aller zu den seinen macht.

Geschickt kaschiert der Ministerpräsident, dass er mit schuld ist am Ausmaß der Katastrophe. Natürlich kann er nichts für das Wetter, für die monatelange Trockenheit und Hitze. Aber die Hilflosigkeit und Desorganisation bei der Brandbekämpfung ist auch sein Werk. Wie einst die Zaren und später die Kommunisten haben es auch die derzeitigen Kreml-Machthaber den Menschen in Russland abgewöhnt, Eigeninitiativen zu entfalten, Verantwortung zu übernehmen. Niemand fühlt sich zuständig für eine nachhaltige Bewirtschaftung der riesigen Wälder. Im Gegenteil: Unter Putin wurde die Forstverwaltung und der Katastrophenschutz zentralisiert. Zehntausende Waldarbeiter verloren ihren Job und für die Löschteiche in den Dörfern fühlte sich niemand zuständig.

Die von Putin propagierte "Vertikale der Macht" hat sich in Wahrheit als Ohnmacht der Mächtigen bei der Bekämpfung eines großen Unglücks erwiesen. Aber der einstige KGB-Agent, der zum Staatsmann mutierte, zeigt, dass die Menschen in Zeiten der Not vor allem Führung, Präsenz und Symbolik schätzen. All das bietet Wladimir Putin ihnen. Aus der großen Katastrophe wird er deshalb politisch gestärkt hervorgehen. ****

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