• 26.07.2010, 07:47:52
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Gesucht: Notenbanker mit Bodenkontakt - Hans Weitmayr

Gut, dass Geldpolitik in Frankfurt und nicht in Wien gemacht wird

Wien (OTS) - Notenbanker. Sie gehören zu den wichtigsten
Wirtschaftpolitikern ihrer Länder und sind doch meist einer breiten
Öffentlichkeit nicht bekannt. Was eigentlich so nicht sein sollte.
Denn immerhin sind sie mitverantwortlich für die Zinsstrukturen ihrer
Länder und bestimmen so mit, wie der Ertrag eines Sparbuches aussieht
oder ob der Häuslbauer seinen Kredit am Ende des Jahres noch bedienen
wird können. Dass dem so ist, liegt nicht zuletzt an den betroffenen
Notenbankern selbst. Ihre Ausdrucksweise ist in den besten Fällen
vage, in den meisten Fällen verklausuliert - und zwar so sehr, dass
Menschen vom hochspezialisierten Beruf eines "Central Bank Watcher"
tatsächlich leben können.

Das stellt in ruhigen Zeiten eher kein Problem dar - leider leben wir
derzeit in genau solchen nicht. Da kann es dann durchaus passieren,
dass mangelhafte Kommunikation eine Krise verschärft. Etwa dann, wenn
der unkommentierte Einsatz selten beachteter Instrumentarien vom
Markt missverstanden wird und statt der erfolgten Beruhigung Panik
einsetzt. Genau das ist beispielsweise beim Ausbruch der
Subprime-Krise geschehen, als Zufuhr und Abfluss kurzfristiger
liquider Mittel schlicht als das jeweils andere interpretiert wurde.

Dieser Tage befinden wir uns in einer neuen Phase derselben Krise.
Notenbanken sind massiv in die Finanzmärkte eingestiegen, dabei
werden in Europa als ursprünglich in Stein gemeißelte Grundsätze über
Bord geworfen, Papiere, die die EZB in ihre Bilanzen genommen hat,
gelten mitunter als riskant. Auch das Verteidigen von Währungen kann
- wie die Schweizerische Notenbank zuletzt erleben musste - zu
Milliardenverlusten führen.

Der Bürger als oberster Souverän, der Bürger, der für diese Verluste
letzten Endes geradestehen muss, darf also die Frage stellen: Was
kann im schlimmsten Fall geschehen? Kann meine Notenbank, kann die
EZB, kann die OeNB pleitegehen? Was bedeutet das für mich?
Die Presseabteilung der OeNB reagierte auf die
WirtschaftsBlatt-Recherchen zu diesem Thema mit einer Mischung aus
Nervosität und Aggression. Eine Erklärung zum Thema war vom obersten
Währungshüter des Landes, Generaldirektor Ewald Nowotny, nicht zu
bekommen. Das ist bedauerlich und zeigt, wie wenig dieses Institut
die Nähe zu Wirtschaft und Bevölkerung sucht. Die ungute Assoziation
mit einem Elfenbeinturm drängt sich auf - das von einer Institution,
die im Herzen unseres wirtschaftlichen Systems steht. Insofern kann
man also dankbar sein, dass die großen monetären Entscheidungen für
Österreich in Frankfurt und nicht in Wien getroffen werden.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Tel.: Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

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