WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Gesucht: Notenbanker mit Bodenkontakt - Hans Weitmayr

Gut, dass Geldpolitik in Frankfurt und nicht in Wien gemacht wird

Wien (OTS) - Notenbanker. Sie gehören zu den wichtigsten Wirtschaftpolitikern ihrer Länder und sind doch meist einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Was eigentlich so nicht sein sollte. Denn immerhin sind sie mitverantwortlich für die Zinsstrukturen ihrer Länder und bestimmen so mit, wie der Ertrag eines Sparbuches aussieht oder ob der Häuslbauer seinen Kredit am Ende des Jahres noch bedienen wird können. Dass dem so ist, liegt nicht zuletzt an den betroffenen Notenbankern selbst. Ihre Ausdrucksweise ist in den besten Fällen vage, in den meisten Fällen verklausuliert - und zwar so sehr, dass Menschen vom hochspezialisierten Beruf eines "Central Bank Watcher" tatsächlich leben können.

Das stellt in ruhigen Zeiten eher kein Problem dar - leider leben wir derzeit in genau solchen nicht. Da kann es dann durchaus passieren, dass mangelhafte Kommunikation eine Krise verschärft. Etwa dann, wenn der unkommentierte Einsatz selten beachteter Instrumentarien vom Markt missverstanden wird und statt der erfolgten Beruhigung Panik einsetzt. Genau das ist beispielsweise beim Ausbruch der Subprime-Krise geschehen, als Zufuhr und Abfluss kurzfristiger liquider Mittel schlicht als das jeweils andere interpretiert wurde.

Dieser Tage befinden wir uns in einer neuen Phase derselben Krise. Notenbanken sind massiv in die Finanzmärkte eingestiegen, dabei werden in Europa als ursprünglich in Stein gemeißelte Grundsätze über Bord geworfen, Papiere, die die EZB in ihre Bilanzen genommen hat, gelten mitunter als riskant. Auch das Verteidigen von Währungen kann - wie die Schweizerische Notenbank zuletzt erleben musste - zu Milliardenverlusten führen.

Der Bürger als oberster Souverän, der Bürger, der für diese Verluste letzten Endes geradestehen muss, darf also die Frage stellen: Was kann im schlimmsten Fall geschehen? Kann meine Notenbank, kann die EZB, kann die OeNB pleitegehen? Was bedeutet das für mich?
Die Presseabteilung der OeNB reagierte auf die WirtschaftsBlatt-Recherchen zu diesem Thema mit einer Mischung aus Nervosität und Aggression. Eine Erklärung zum Thema war vom obersten Währungshüter des Landes, Generaldirektor Ewald Nowotny, nicht zu bekommen. Das ist bedauerlich und zeigt, wie wenig dieses Institut die Nähe zu Wirtschaft und Bevölkerung sucht. Die ungute Assoziation mit einem Elfenbeinturm drängt sich auf - das von einer Institution, die im Herzen unseres wirtschaftlichen Systems steht. Insofern kann man also dankbar sein, dass die großen monetären Entscheidungen für Österreich in Frankfurt und nicht in Wien getroffen werden.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Tel.: Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001