"Kleine Zeitung" Kommentar: "Über Masse, Macht und Ohnmacht" (Von Bernd Melichar)

Ausgabe vom 26.07.2010

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Spätestens seit dem berühmten soziologischen Großessay von Elias Canetti wissen wir Bescheid über die oft fatalen Mechanismen von Masse und Macht. Und spätestens seit der Katastrophe von Duisburg wissen wir, dass man der ungeheuren Macht einer uferlosen Masse mit Ohnmacht gegenübersteht. Das Motto der Love-Parade - "The Art Of Love" - klingt im Nachhinein wie purer Hohn. Aus der Kunst des Liebens ist eine Todesfuge geworden. Aus "Friede, Freude, Eierkuchen" - so der Slogan der ersten Parade 1989 -Blut, Schweiß und Tränen.

Als die Panik unter den mehr als eine Million Feiernden bereits ausgebrochen war, konnte niemand mehr diese endlose, reißerische Flut an Menschen in sichere Bahnen lenken. Aber war Duisburg nicht die Chronik einer angekündigten Katastrophe? Alles deutet darauf hin. In Internetforen haben spätere Besucher bereits im Vorfeld vor dem enormen Gefahrenpotenzial des Geländes gewarnt. Die Besuchermassen durch eine enge Unterführung zu schleusen, erwies sich als Organisationswahnsinn. Außerdem war das Areal - das für diesen Massenansturm viel zu klein war - umzäunt. Eine "Herde", die eingesperrt wird, reißt bei der kleinsten Beunruhigung aus und trampelt sich gegenseitig zu Tode. All das hätte man wissen müssen. Und können.

Über Sinn und Unsinn der Love-Parades lässt sich natürlich prächtig streiten wie etwa über Sinn und Unsinn von sportlichen Großveranstaltungen. Die Organisatoren haben nie vorgegeben, eine politische und/oder soziale Botschaft zu haben. Es ging den schrillen Vögeln, die ihr buntes Gefieder gerne im Scheinwerferlicht zeigen, immer nur um Party & Musik. Eine Art Musikantenstadl der Alternativszene. Anfangs "schunkelten" 150 Teilnehmer mit, zuletzt 1,4 Millionen.

Dem Erfinder der Love-Parade, dem DJ Dr. Motte, erging es im Laufe der Jahre wie Goethes Zauberlehrling: Die Geister, die er rief, wurde er nicht mehr los. Das Kind, das er ins Leben gerufen hatte, war anfangs winzig klein, lieb, orginell, leicht erziehbar. Doch das Balg wurde immer größer, fetter, gieriger, ungezogener, ließ sich nicht mehr kontrollieren. Was als farbenfröhliches, unschuldiges Abtanzen einer Randgruppe begonnen hatte, artete in eine durchkommerzialisierte Mainstream-Veranstaltung aus, die immer mehr an Quantität, aber immer weniger an Qualität gewann. DJ Motte resignierte vor den Quälgeistern und zog sich 2006 aus dem Geschäft zurück.

Jetzt ist die Party endgültig aus. Dass sie so tragisch endete, liegt auch daran, dass so viele ignorante Geisteszwerge unter den Verantwortlichen in Duisburg waren. ****

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