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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Notwehr gegen die Lüge" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 11.07.2010
Graz (OTS) - Bruno Kreisky hatte es gut gemeint. Der große
Durchlüfter der Siebziger war beseelt vom Wunsch, dass die
Universitäten nicht nur Söhnen und Töchtern aus begüterten
Verhältnissen offen stehen, sondern auch Kindern aus
Arbeiterfamilien. Die schrankenlosen Tore zur höheren Bildung sollten
die Fesseln der sozialen Herkunft zerschlagen und die Möglichkeiten
des Lebens weit aufspannen.
Vierzig Jahre später fällt die Bilanz ernüchternd aus: Das Dogma des
offenen Hochschulzugangs führte nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern
mündete in der unfinanzierbaren, sich selbst überlassenen
Massenuniversität. Sie produziert Frustration und überfüllte Hörsäle,
die ein Teil der Hörer als Aufwachzimmer persönlicher
Orientierungslosigkeit, als kostenlose Zuflucht vor der widrigen
Witterung der Berufswirklichkeit missversteht. Die Folgen sind die
höchsten Ausfallsraten Europas.
Was den Reformator Kreisky aber am meisten verbittert hätte: Die
ideologische Formel Allen alles, und das zum Nulltarif, erwies sich
als untaugliches Instrument, den Zugang zu den Unis zu
demokratisieren. Der Anteil Studierender aus benachteiligten Milieus
blieb erschreckend gering. So finanzieren Lehrlinge das
Gratis-Studium der Akademikerkinder mit. Was daran sozial und
demokratisch sein soll, vermochte die Sozialdemokratie bis heute
nicht schlüssig darzulegen.
Mit dem Starrsinn eines Geblendeten hält sie am Postulat des freien
Hochschulzugangs fest, obwohl das Dogma längst an der Wirklichkeit
zerschellt ist und den Studierenden wie Lehrenden als zynische Lüge
gegenübertritt. An der Grazer Med-Uni ritterten am Freitag in einer
Konzert-Arena fast 2000 Maturanten um 300 Tickets. An der WU, an der
sich 7000 einschreiben wollen, aber nur 1500 Platz haben, werden in
vier Knock-out-Examen die "Leistungs- und Prüfungswilligen"
herausgefiltert und die anderen hinausgeprüft.
Die brachiale Schleuse ist blanke Notwehr, ähnlich dem verzweifelten
Entschluss der Uni Klagenfurt, das überrannte Psychologie-Studium
kurzerhand zu schließen. Es sind dies Manifestationen für das
Versagen der Hochschulpolitik. Anderswo legen Regierungen offen und
ehrlich fest, wie viele Studienplätze der Staat in einzelnen Fächern
zu finanzieren in der Lage ist. Der Zugang wird mit transparenten
qualitativen Zugangsverfahren geregelt, sodass die, die mit Hingabe
studieren wollen, dies zu den gleichen, bestmöglichen Bedingungen tun
können. So ermöglicht man Exzellenz und Fairness. Hierzulande wuchern
Chaos und Mittelmaß, um eine ideologische Lüge nicht zu
gefährden.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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