Ärztliche Ausbildung war und ist öffentliches Interesse

Gut ausgebildete Allgemeinmediziner sind die Basis für die mittelfristige Sicherung wohnortnaher Versorgung

Wien (OTS) - "Nur vor Ort in den Ordinationen kann man lernen, worauf es bei der Ausübung in der allgemeinmedizinischen Praxis wirklich ankommt", so Dr. Christoph Reisner, Präsident der NÖ Ärztekammer. "Die Ausbildungszeit von Allgemeinmedizin-Turnusärzten in Lehrpraxen ist daher ein sehr wichtiger Bestandteil der ärztlichen Ausbildung. Dies wird auch von den Lehrpraktikantinnen und -praktikanten so gesehen", weiß der Ärztekammerpräsident. Doch diese Form der Ausbildung erfreut sich derzeit keiner besonders großen Beliebtheit bei den Praxisinhabern. "Den 216 in Niederösterreich theoretisch bewilligten allgemeinmedizinischen Lehrpraxen stehen gerade zwei derzeit dort tätige Turnusärzte gegenüber. Im Fachärztebereich sind immerhin 29 Lehrpraxisstellen besetzt. Der Grund dafür wird in der mangelhaften Förderung der Lehrpraxen zu suchen sein."

Das Gesundheitsministerium deckt derzeit nur ein Zwölftel der notwendigen Summe ab

"Es gibt für die Lehrpraxis derzeit eine Förderung durch das Bundesministerium für Gesundheit, von der für Niederösterreich etwa 100 Lehrpraxismonate abfallen. Das reicht gerade für 16 Durchgänge zu je einem Halbjahr, also viel zu wenig für eine flächendeckende Ausbildung", so der Kurienobmann-Stellvertreter der Angestellten Ärzte Niederösterreichs und Turnusärztevertreter Dr. Stefan Halper. "Außer dem Gesundheitsministerium fördert bedauerlicherweise derzeit keine weitere öffentliche Einrichtung die Lehrpraxen", so Dr. Halper weiter. "Bundesweit wären jedoch etwa zwölf Mio. Euro jährlich nötig, um die Lehrpraxis-Ausbildung für angehende Allgemeinmediziner zu finanzieren. Die Förderung des Gesundheitsministeriums deckt davon rund ein Zwölftel, also eine Million Euro ab."
Die jüngst veröffentlichte Berechung der MEDTAX-Steuerberater kann Dr. Halper gut nachvollziehen: "Ärztliche Ausbildung war und ist ein öffentliches Interesse. Dass sich junge Ärztinnen und Ärzte ihre Ausbildung "selber zahlen" oder dass man dies von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten verlangt, ist eigentlich nicht zumutbar. Der Lehrpraxisinhaber hat nämlich kaum einen Vorteil durch die Anstellung eines Lehrpraktikanten."

Auch der Hauptverband sollte seinen Beitrag zur Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte leisten

Dr. Halper sieht durch die Berechnung das so genannte "Drittel-Modell" bestätigt, welches die Turnusärztevertreter bereits seit längerer Zeit vorschlagen: "Ein Drittel des finanziellen Aufwandes kann der Lehrpraxis-Inhaber tragen. So wird gewährleistet, dass ein akzeptables Ausmaß der System erhaltenden Arbeit nicht überschritten wird und vor allem dadurch die Ausbildung nicht unmöglich gemacht wird. Ein weiteres Drittel könnte die öffentliche Hand im Interesse der Sicherstellung der allgemeinmedizinischen Versorgung der Bevölkerung auch in der Zukunft tragen. Das dritte Drittel sehe ich beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger." Denn in Zeiten, in denen es zunehmend schwieriger wird allgemeinmedizinische Kassenplanstellen zu besetzen, ist es aus Sicht von Dr. Halper auch im Interesse der sozialen Krankenversicherung, die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses zu fördern und zur Bekanntheit und Popularität des Berufsfeldes "Hausarzt" durch die Ermöglichung fairer Ausbildungsbedingungen beizutragen.

Der dauerhafte Bestand des Lehrpraxensystems ist ohne zusätzliche Förderung undenkbar

"Aus meiner Sicht ist jedenfalls keine Arbeitserleichterung für einen Ordinationsinhaber mit Lehrpraxis zu erkennen", so Präsident Dr. Reisner. "Eine Entlastungsphase am Ende der Tätigkeit ist sicherlich vorhanden, zu Beginn bedeutet eine Lehrpraxis jedenfalls für den Inhaber mehr Arbeit. Das ist ein Nullsummenspiel, bei dem der Einzige Vorteil die fachliche Bereichung durch die Mitarbeit einer Kollegin bzw. eines Kollegen ist."
Für Präsident Dr. Reisner ist der dauerhafte Bestand des Lehrpraxensystems jedenfalls ohne zusätzliche Förderung undenkbar:
"Ein Kollektivvertrag, der auch in Lehrpraxen ein einigermaßen angemessenes Akademikergehalt garantiert, wurde endlich beschlossen. Eine zeitgleiche Erhöhung der Fördermittel konnte jedoch nicht erreicht werden, sodass befürchtet werden muss, dass das Angebot an Lehrpraxis-Stellen maßgeblich zurückgeht." Besonders in ländlichen Regionen fehlen zunehmend Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner. "Wenn wir die wohnortnahe medizinische Versorgung mittelfristig sichern wollen, brauchen wir die Förderung beispielsweise nach dem "Drittel-Modell" in flächendeckender Form", so das Resümee von Präsident Dr. Reisner.

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