• 01.07.2010, 10:00:11
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Österreichischer Hausärzteverband präsentiert Buchneuheit: "Der ohnmächtige Arzt"

Wien (OTS) -

- Autor Dr. Günther Loewit wirft einen ebenso sensiblen wie
schonungslosen Insider-Blick hinter die Kulissen des
Gesundheitssystems
- Diagnose: Geld macht krank - Krank macht Geld

Unser Gesundheitssystem ist krank: Seit Jahren werde mit Erfolg
die Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient untergraben,
diagnostiziert das brandaktuelle Sachbuch "Der ohnmächtige Arzt". Von
praxisfernen Bürokraten, einer ausschließlich an Gewinnmaximierung
orientierten Pharmaindustrie und einer öffentlichen Meinung, die die
Heilbarkeit aller Krankheiten bis ins hohe Alter suggeriere. Vor
diesem Hintergrund erwarte der überinformierte Patient heute immer
seltener die individuelle Heilkunst seines Arztes als vielmehr die
rasche und effiziente Erfüllung seiner Medikamenten-Einkaufswünsche.

Autor Dr. Günther Loewit, gebürtiger Tiroler und seit vielen
Jahren Ärztekammerrat und Gemeindearzt in Marchegg, Niederösterreich,
dokumentiert den drohenden Kollaps mit viel Insiderwissen und ebenso
einfühlsam wie mit scharfer Zunge. Die "Ohnmacht" des Arztes wird in
drei Abschnitten demonstriert: als Begleiter eines lebenslangen
Geschäftsmodelles von der Zeugung bis zum Tod, als Opfer eines immer
komplexer werdenden aufgeblähten Verwaltungsapparates, und
schließlich als Zielobjekt einer gesteuerten Wissenschaft, die am
liebsten jegliche individuelle Behandlungsfreiheit aus der Welt
schaffen möchte.

Garniert mit zahlreichen authentischen Fallbeispielen, liest sich
das Buch auch für den medizinischen Laien spannend wie ein Krimi und
regt mehr als nur ein Mal zum fassungslosen Kopfschütteln an. Loewit
veröffentlichte mit "Der ohnmächtige Arzt" sein erstes Sachbuch,
zuvor hatte er bereits mit mehreren erfolgreichen literarischen
Veröffentlichungen ("Krippler", "Mürrig") als Schriftsteller auf sich
aufmerksam gemacht.

Patienten-Beziehung in Gefahr

"Noch ist die Vertrauensbeziehung zwischen Hausarzt und Patient
zwar in den meisten Fällen intakt, sie wird aber von verschiedensten
Seiten auf das Schärfste attackiert", betonte Dr. Christian Euler,
Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes, anlässlich der
Präsentation des Buches vor Journalisten. Dementsprechend ortet auch
Buchautor Loewit "eine atemberaubende Hindernisfahrt zwischen
ärztlicher Intention, Druck der Krankenkassen, Drängen der
Pharmaindustrie und Begehrlichkeiten der Patienten".

Ausgesuchte Krankheitsbilder würden dabei zur Grundlage guter
Geschäfte, als deren Erfüllungsorgane sich die Ärzte plötzlich
wiederfinden. Die Beispiele reichen von reduzierten
Bluthochdruck-Grenzwerten über verkürzte Impfintervalle bis zum
modischen Magenschutz. "Denn eines darf nicht mehr passieren: dass
ein Patient eine Ordination ohne Rezept, ohne Medikament, ohne
Heilbehelf verlässt", heißt es in "Der ohnmächtige Arzt".

"Doctor-Hopping und die völlige Freiheit, sich innerhalb des
Systems bei Krankenhaus-Ambulanzen, Fachärzten oder gleich direkt in
den Apotheken oder via Internet zu bedienen, machen eine individuelle
und ganzheitliche Beurteilung des Patienten für den Hausarzt immer
problematischer", so Hausärzte-Präsident Euler. Zugleich üben die
Krankenkassen - anders als im Spitalsbereich - permanenten Druck in
Richtung Kostenminimierung aus, geben politische Administratoren
"evidenzbasierte" Behandlungspfade ohne jede individuelle Prägung vor
und überhäufen Kontrollorgane die Ärzteschaft fast täglich mit neuen
Protokollen und Formularen. Die eigentliche Heilkunst,
jahrhundertelang die Basis einer menschlichen Medizin, bleibe bei so
viel Business und Bürokratie zusehends auf der Strecke und werde
letztlich völlig demontiert, fürchten die Mediziner. Nicht einmal die
ärztliche Verschwiegenheit könne in Zeiten der Elektronischen
Gesundheitsakte (ELGA) künftig noch garantiert werden.

Droge Arzt

Dabei geht es uns gesundheitlich so gut wie nie zuvor. Studien
belegen, dass rund 70 Prozent der in den Hausarztpraxen vorgebrachten
Beschwerden vorübergehende Befindlichkeitsstörungen sind und nichts
mit Krankheitsbildern im engeren Sinn zu tun haben. Die Realität
sieht für die Patienten freilich anders aus: Der durch die Medien -
inklusive populärer Krankenhausserien im Hauptabendprogramm -
vorinformierte "mündige" Patient sucht gegebenenfalls im Internet
nach einer "geeigneten" Krankheit und bringt auch gleich deren
Therapievorschlag auf dem Einkaufszettel in die Ordination mit,
berichten die Hausärzte. Oft sei es einfach ein ganz allgemeines
Bedürfnis nach Heilung von den Leiden einer überfordernden
Gesellschaft, das die Menschen treibe. "Erst die Krankheit bietet
Erlösung von der drückenden Angst vor einer Krankheit", schreibt
Loewit in seinem Buch.

Der Arzt wird in diesem Zusammenhang zur Droge, die Medizin zum
Sakrament, das Krankenhaus zur Kirche einer neuen Wellness-Religion.
Mit all den Auswirkungen, die das Geschäft blühen lassen, zugleich
aber jede Eigenverantwortung für die Gesundheit minimieren. "Ab dem
sechsten Lebensjahrzehnt sind fünf bis acht Medikamente täglich
inzwischen die Regel, Fälle von mehr als 40 einander teils in ihren
Wirkungen neutralisierenden Medikamenten sind bekannt", so die
Hausärzte. Das Medikament als Hostie überhöhe einfach einen Reflex.
Mit dem richtigen Pulver als Reaktion auf ein Diagnosegespräch
ersparen sich alle Beteiligten ein längeres Nachdenken über
möglicherweise passendere Antworten.

Nutzlose Wartezeit?

Auch dem höchst aktuellen Thema der angeblich nutzlosen
Wartezeiten beim Arzt widmet sich ein Kapitel des Buches. Die Absicht
des neuen SVA-Vertrages, den Gewerbetreibenden Wartezeiten beim Arzt
zu ersparen, wird von Hausärzteverband-Vizepräsident Dr. Wolfgang
Geppert als "Ansinnen voller Selbstherrlichkeit" bewertet. Es sei
geradezu grotesk, diese Zeit der Besinnung, Vorbereitung und
Konzentration auf den Dialog mit dem Arzt zugunsten eines
beschleunigten Therapie-Verabreichungsprozesses zu verhindern. Oder
wie Günther Loewit in seinem Buch sarkastisch meint: "Wozu der
Wortgottesdienst, wenn man doch gleich die Kommunion spenden könnte?"

Umfassend werden in "Der ohnmächtige Arzt" auch noch weitere
Baustellen eines eher im Sinne der Humanität als der Ökonomie
sanierungsbedürftigen Gesundheitssystems betrachtet: das fragwürdige
medizinische Ausbildungssystem, das permanente juristische
Damoklesschwert, die Einflüsse von Gesundheitsdiensten und
Fachgesellschaften, das Geschäft mit der Geburt und jenes mit der
Verzögerung des Sterbens. Auf die Frage, für wen das Buch geschrieben
sei, antwortet der Autor mit einer feinen Differenzierung: "Für die
Leidenden unter den Patienten und die Ärzte unter den Medizinern."

Dr. Günther Loewit, "Der ohnmächtige Arzt". - Hinter den Kulissen
des Gesundheitssystems, Haymon-Verlag, Wien 2010, 207 Seiten, 9,95
Euro.

Rückfragehinweis:
PR-Büro Halik, Mag. (FH) Susanna Strohmayer
Kaiserstraße 84/1/8, 1070 Wien
Tel.: (01) 596 64 21-14, mailto:s.strohmayer@halik.at

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