Österreichischer Hausärzteverband präsentiert Buchneuheit: "Der ohnmächtige Arzt"

Wien (OTS) -

  • Autor Dr. Günther Loewit wirft einen ebenso sensiblen wie schonungslosen Insider-Blick hinter die Kulissen des Gesundheitssystems
  • Diagnose: Geld macht krank - Krank macht Geld

Unser Gesundheitssystem ist krank: Seit Jahren werde mit Erfolg die Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient untergraben, diagnostiziert das brandaktuelle Sachbuch "Der ohnmächtige Arzt". Von praxisfernen Bürokraten, einer ausschließlich an Gewinnmaximierung orientierten Pharmaindustrie und einer öffentlichen Meinung, die die Heilbarkeit aller Krankheiten bis ins hohe Alter suggeriere. Vor diesem Hintergrund erwarte der überinformierte Patient heute immer seltener die individuelle Heilkunst seines Arztes als vielmehr die rasche und effiziente Erfüllung seiner Medikamenten-Einkaufswünsche.

Autor Dr. Günther Loewit, gebürtiger Tiroler und seit vielen Jahren Ärztekammerrat und Gemeindearzt in Marchegg, Niederösterreich, dokumentiert den drohenden Kollaps mit viel Insiderwissen und ebenso einfühlsam wie mit scharfer Zunge. Die "Ohnmacht" des Arztes wird in drei Abschnitten demonstriert: als Begleiter eines lebenslangen Geschäftsmodelles von der Zeugung bis zum Tod, als Opfer eines immer komplexer werdenden aufgeblähten Verwaltungsapparates, und schließlich als Zielobjekt einer gesteuerten Wissenschaft, die am liebsten jegliche individuelle Behandlungsfreiheit aus der Welt schaffen möchte.

Garniert mit zahlreichen authentischen Fallbeispielen, liest sich das Buch auch für den medizinischen Laien spannend wie ein Krimi und regt mehr als nur ein Mal zum fassungslosen Kopfschütteln an. Loewit veröffentlichte mit "Der ohnmächtige Arzt" sein erstes Sachbuch, zuvor hatte er bereits mit mehreren erfolgreichen literarischen Veröffentlichungen ("Krippler", "Mürrig") als Schriftsteller auf sich aufmerksam gemacht.

Patienten-Beziehung in Gefahr

"Noch ist die Vertrauensbeziehung zwischen Hausarzt und Patient zwar in den meisten Fällen intakt, sie wird aber von verschiedensten Seiten auf das Schärfste attackiert", betonte Dr. Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes, anlässlich der Präsentation des Buches vor Journalisten. Dementsprechend ortet auch Buchautor Loewit "eine atemberaubende Hindernisfahrt zwischen ärztlicher Intention, Druck der Krankenkassen, Drängen der Pharmaindustrie und Begehrlichkeiten der Patienten".

Ausgesuchte Krankheitsbilder würden dabei zur Grundlage guter Geschäfte, als deren Erfüllungsorgane sich die Ärzte plötzlich wiederfinden. Die Beispiele reichen von reduzierten Bluthochdruck-Grenzwerten über verkürzte Impfintervalle bis zum modischen Magenschutz. "Denn eines darf nicht mehr passieren: dass ein Patient eine Ordination ohne Rezept, ohne Medikament, ohne Heilbehelf verlässt", heißt es in "Der ohnmächtige Arzt".

"Doctor-Hopping und die völlige Freiheit, sich innerhalb des Systems bei Krankenhaus-Ambulanzen, Fachärzten oder gleich direkt in den Apotheken oder via Internet zu bedienen, machen eine individuelle und ganzheitliche Beurteilung des Patienten für den Hausarzt immer problematischer", so Hausärzte-Präsident Euler. Zugleich üben die Krankenkassen - anders als im Spitalsbereich - permanenten Druck in Richtung Kostenminimierung aus, geben politische Administratoren "evidenzbasierte" Behandlungspfade ohne jede individuelle Prägung vor und überhäufen Kontrollorgane die Ärzteschaft fast täglich mit neuen Protokollen und Formularen. Die eigentliche Heilkunst, jahrhundertelang die Basis einer menschlichen Medizin, bleibe bei so viel Business und Bürokratie zusehends auf der Strecke und werde letztlich völlig demontiert, fürchten die Mediziner. Nicht einmal die ärztliche Verschwiegenheit könne in Zeiten der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) künftig noch garantiert werden.

Droge Arzt

Dabei geht es uns gesundheitlich so gut wie nie zuvor. Studien belegen, dass rund 70 Prozent der in den Hausarztpraxen vorgebrachten Beschwerden vorübergehende Befindlichkeitsstörungen sind und nichts mit Krankheitsbildern im engeren Sinn zu tun haben. Die Realität sieht für die Patienten freilich anders aus: Der durch die Medien -inklusive populärer Krankenhausserien im Hauptabendprogramm -vorinformierte "mündige" Patient sucht gegebenenfalls im Internet nach einer "geeigneten" Krankheit und bringt auch gleich deren Therapievorschlag auf dem Einkaufszettel in die Ordination mit, berichten die Hausärzte. Oft sei es einfach ein ganz allgemeines Bedürfnis nach Heilung von den Leiden einer überfordernden Gesellschaft, das die Menschen treibe. "Erst die Krankheit bietet Erlösung von der drückenden Angst vor einer Krankheit", schreibt Loewit in seinem Buch.

Der Arzt wird in diesem Zusammenhang zur Droge, die Medizin zum Sakrament, das Krankenhaus zur Kirche einer neuen Wellness-Religion. Mit all den Auswirkungen, die das Geschäft blühen lassen, zugleich aber jede Eigenverantwortung für die Gesundheit minimieren. "Ab dem sechsten Lebensjahrzehnt sind fünf bis acht Medikamente täglich inzwischen die Regel, Fälle von mehr als 40 einander teils in ihren Wirkungen neutralisierenden Medikamenten sind bekannt", so die Hausärzte. Das Medikament als Hostie überhöhe einfach einen Reflex. Mit dem richtigen Pulver als Reaktion auf ein Diagnosegespräch ersparen sich alle Beteiligten ein längeres Nachdenken über möglicherweise passendere Antworten.

Nutzlose Wartezeit?

Auch dem höchst aktuellen Thema der angeblich nutzlosen Wartezeiten beim Arzt widmet sich ein Kapitel des Buches. Die Absicht des neuen SVA-Vertrages, den Gewerbetreibenden Wartezeiten beim Arzt zu ersparen, wird von Hausärzteverband-Vizepräsident Dr. Wolfgang Geppert als "Ansinnen voller Selbstherrlichkeit" bewertet. Es sei geradezu grotesk, diese Zeit der Besinnung, Vorbereitung und Konzentration auf den Dialog mit dem Arzt zugunsten eines beschleunigten Therapie-Verabreichungsprozesses zu verhindern. Oder wie Günther Loewit in seinem Buch sarkastisch meint: "Wozu der Wortgottesdienst, wenn man doch gleich die Kommunion spenden könnte?"

Umfassend werden in "Der ohnmächtige Arzt" auch noch weitere Baustellen eines eher im Sinne der Humanität als der Ökonomie sanierungsbedürftigen Gesundheitssystems betrachtet: das fragwürdige medizinische Ausbildungssystem, das permanente juristische Damoklesschwert, die Einflüsse von Gesundheitsdiensten und Fachgesellschaften, das Geschäft mit der Geburt und jenes mit der Verzögerung des Sterbens. Auf die Frage, für wen das Buch geschrieben sei, antwortet der Autor mit einer feinen Differenzierung: "Für die Leidenden unter den Patienten und die Ärzte unter den Medizinern."

Dr. Günther Loewit, "Der ohnmächtige Arzt". - Hinter den Kulissen des Gesundheitssystems, Haymon-Verlag, Wien 2010, 207 Seiten, 9,95 Euro.

Rückfragen & Kontakt:

PR-Büro Halik, Mag. (FH) Susanna Strohmayer
Kaiserstraße 84/1/8, 1070 Wien
Tel.: (01) 596 64 21-14, s.strohmayer@halik.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | HAU0001