"Kleine Zeitung" Kommentar: "Es riecht nach 2005" (Von Hubert Patterer)

Augabe vom 27.06.2010

Graz (OTS) - Montag: Begleitung einer Wirtschaftsdelegation
nach Shanghai. Die Metropole hat die doppelte Population Österreichs und beherbergt mit der Expo das größte Disneyland. Die Nationen-Schau, durch die in surrealen Pilgerströmen täglich eine halbe Million Menschen geschleust wird, wird im Herbst abgewrackt. Der Österreich-Pavillon übt sich bis dahin in Mittelmaß. Die Besucher dürfen mit Schneebällen werfen und auf Gletschern wandeln. Das gefällt. Gepriesen wird Alpin-Kulisse und, kaum gebrochen, viel Vergangenheit. Wofür das Land heute steht und worin es begabt ist, bleibt vage.

Im städtebaulichen Gestus gibt sich Shanghai amerikanisch. Die Architektur: Himmelfahrt und Hybris. Das westliche Antlitz ist ein Fake wie die Rollex-Uhren der Straßen-händler. Die Wolkenkratzer lassen vergessen, dass man eine Diktatur besucht. Kein Facebook, kein Youtube, gescannte Mails. CNN und BBC dürfen senden. Erscheinen missliebige Beiträge, setzen Bildstörungen ein, für die man sich entschuldigt. Diktatur mit Manieren.

Dienstag. Erst scheidet Frankreich aus, später Italien. Das seelenlose Spiel der Entkrönten als Abbild erstarrter, materialistischer Endzeit-Gesellschaften. Es ist kein Zufall, dass die Proteste gegen die Sparpakete in Frankreich und Italien am heftigsten sind. Die Kraft zur Selbsterneuerung fehlt dem Volk wie dem Spiel.

Mittwoch. Die englische Regierung verkündet eine Rosskur, die niemanden schont. Dazu kommuniziert man symbolhaltige Bilder: Sie zeigen Cameron und Clegg, die sich mit hochgekrempelten Ärmeln über den Zahlentisch beugen; ein starkes Zeichen gemeinsamer Willenskraft. Ist ein solches Motiv jemals von Faymann-Pröll zu erhoffen? Und wenn wir beim Imaginären sind: Wird man von einem heimischen Politiker jemals eine ähnlich mitreißende Grundsatzrede hören wie jene des deutschen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck? "Ich träume von einem Land, in dem ich nicht nur zufrieden bin, weil seine Institutionen funktionieren, sondern das imstande ist, sich selbst aus der Unkultur von Angst, Resignation und Tristesse zu erlösen." Wer aus der hiesigen politischen Klasse kann so sprechen?

Freitag. Die steirische SPÖ treibt ihr Abbruchwerk voran. Voves nähert sich dem K-Punkt, an dem Klasnic kurz vor der Abwahl stand. Unbehandelte Konflikte, Entfremdung von der Partei, Rückzug in den Bunker: Die Parallelität ist zum Greifen. Beide sind emotional stark, bei beiden richtet sich die Emotionalität in Krisen gegen sich selbst. Die Folgen sind unsouveräner Trotz und Selbstisolation. Die Geschichte wiederholt sich als Farce.****

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