• 26.06.2010, 18:46:28
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Es riecht nach 2005" (Von Hubert Patterer)

Augabe vom 27.06.2010

Graz (OTS) - Montag: Begleitung einer Wirtschaftsdelegation
nach Shanghai. Die Metropole hat die doppelte Population Österreichs
und beherbergt mit der Expo das größte Disneyland. Die
Nationen-Schau, durch die in surrealen Pilgerströmen täglich eine
halbe Million Menschen geschleust wird, wird im Herbst abgewrackt.
Der Österreich-Pavillon übt sich bis dahin in Mittelmaß. Die Besucher
dürfen mit Schneebällen werfen und auf Gletschern wandeln. Das
gefällt. Gepriesen wird Alpin-Kulisse und, kaum gebrochen, viel
Vergangenheit. Wofür das Land heute steht und worin es begabt ist,
bleibt vage.

Im städtebaulichen Gestus gibt sich Shanghai amerikanisch. Die
Architektur: Himmelfahrt und Hybris. Das westliche Antlitz ist ein
Fake wie die Rollex-Uhren der Straßen-händler. Die Wolkenkratzer
lassen vergessen, dass man eine Diktatur besucht. Kein Facebook, kein
Youtube, gescannte Mails. CNN und BBC dürfen senden. Erscheinen
missliebige Beiträge, setzen Bildstörungen ein, für die man sich
entschuldigt. Diktatur mit Manieren.

Dienstag. Erst scheidet Frankreich aus, später Italien. Das
seelenlose Spiel der Entkrönten als Abbild erstarrter,
materialistischer Endzeit-Gesellschaften. Es ist kein Zufall, dass
die Proteste gegen die Sparpakete in Frankreich und Italien am
heftigsten sind. Die Kraft zur Selbsterneuerung fehlt dem Volk wie
dem Spiel.

Mittwoch. Die englische Regierung verkündet eine Rosskur, die
niemanden schont. Dazu kommuniziert man symbolhaltige Bilder: Sie
zeigen Cameron und Clegg, die sich mit hochgekrempelten Ärmeln über
den Zahlentisch beugen; ein starkes Zeichen gemeinsamer Willenskraft.
Ist ein solches Motiv jemals von Faymann-Pröll zu erhoffen? Und wenn
wir beim Imaginären sind: Wird man von einem heimischen Politiker
jemals eine ähnlich mitreißende Grundsatzrede hören wie jene des
deutschen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck? "Ich träume von
einem Land, in dem ich nicht nur zufrieden bin, weil seine
Institutionen funktionieren, sondern das imstande ist, sich selbst
aus der Unkultur von Angst, Resignation und Tristesse zu erlösen."
Wer aus der hiesigen politischen Klasse kann so sprechen?

Freitag. Die steirische SPÖ treibt ihr Abbruchwerk voran. Voves
nähert sich dem K-Punkt, an dem Klasnic kurz vor der Abwahl stand.
Unbehandelte Konflikte, Entfremdung von der Partei, Rückzug in den
Bunker: Die Parallelität ist zum Greifen. Beide sind emotional stark,
bei beiden richtet sich die Emotionalität in Krisen gegen sich
selbst. Die Folgen sind unsouveräner Trotz und Selbstisolation. Die
Geschichte wiederholt sich als Farce.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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