"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Würstel gegen Döner und die Wiener SPÖ"

Das Donauinselfest ist die rote Party des Jahres. Die Partei hat's weniger lustig.

Wien (OTS) - Es war einer der größten Irrtümer in der Geschichte der Wiener ÖVP: Als in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die Donauinsel gebaut wurde, opponierten die Schwarzen gegen das Projekt - mit der Begründung, es gebe Wichtigeres. Längst ist aus dem Hochwasserschutz ein gigantisches Freizeitareal geworden. Alljährlich findet dort die Party des Jahres statt, das Donauinselfest, das der Schriftsteller Franzobel einen "Krieg Döner gegen Würstl" nannte. Er meinte damit die kulturelle Vielfalt des Angebots, die hitzige Atmosphäre, das Amüsement der Massen. Das Fest ist so erfolgreich, dass es im Ausland imitiert wird, etwa in München ("Isarinselfest".)
Die Wiener SPÖ und die Stadt Wien - eine Trennlinie ist schwer zu ziehen - sind stolz auf die Veranstaltung. Sie sehen sie als Beitrag zur hohen Lebensqualität, die immer wieder in Umfragen bestätigt wird.
Das beste Zeugnis wird Wien regelmäßig bei einer internationalen Managerbefragung ausgestellt. Da geht es aber nicht um die Lebenswirklichkeit der Bewohner,sondern um die Bedürfnisse einiger Führungskräfte.
Keine Frage, Wien ist anders als viele Millionenstädte. Es ist sicher, sauber, gut verwaltet. Doch es gibt Probleme, die bei der Gemeinderatswahl im Herbst den Sozialdemokraten auf den Kopf fallen könnten.
Diesen Schwierigkeiten ist mit subventionierten Events, von der Donauinsel oder dem Life Ball bis zur Weinverkostung im Rathaus, nicht beizukommen.
Die Wirtschaftskrise hinterlässt in der Bundeshauptstadt Spuren. Die Arbeitslosigkeit ist hoch; die Verschuldung steigt; wichtige Betriebe wandern z. B. nach Niederösterreich ab.
Mit dem Geld der Steuerzahler geht die Stadtregierung eher leger um. Prestigeprojekte wie der Prater-Vorplatz oder die alte Hauptfeuerwache sprengten jeden vernünftigen Kostenrahmen. Das Krankenhaus Nord verteuert sich bereits vor dem Baubeginn.
Die Chance der Fußball-Europameisterschaft wurde vergeben. Wiens Sportanlagen sind blamabel; um das zu sehen, muss man nicht nach London oder Barcelona schauen, es reicht Mönchengladbach.
In die Infrastruktur wird seit Jahren zu wenig investiert. Daher müssen ungezählte Kinder (amtliche Angaben fehlen) in "Pavillons" sitzen - so nennt die Stadt beschönigend die mehr als 200 Containerklassen.
Dass es mit der Wirtschaft nicht zum Besten steht, sieht man an immer mehr Stellen: Versiffte Straßenzüge, leer stehende Geschäftslokale, Abwertung des Angebots.
Dazu kommt das "Ausländerproblem". Es ist ein Faktum, dass in bestimmten Bezirken und Schulen die Integration ein Fremdwort ist. Zwanzig Jahre lang wurde die Herausforderung ignoriert. Erst seit ein paar Monaten gibt es ernsthafte Ansätze zur Besserung.
In den aktuellen Meinungsumfragen sind die Roten deutlich unter der bisherigen absoluten Mehrheit. Das sind Momentaufnahmen. Doch zweifellos hat die SPÖ viel Arbeit abseits ihres Fests vor sich.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001