Verpflichtende gemeinsame Obsorge ist keine Option

Wer hindert Väter, ihre Pflichten und Rechte wahrzunehmen?

Wien (OTS) - Die heutige parlamentarische Enquete: "Konflikten konstruktiv begegnen - aktuelle Herausforderungen im Familienrecht", traf bei den Mitarbeiterinnen von Frauenberatungsstellen, die jahrzehntelange Erfahrungen zu den Themen Trennung, Scheidung, Gewalt im sozialen Nahraum, Obsorge und Besuchrecht haben, auf großes Interesse.

Die in den letzten Tagen getroffene Aussage von Frau Justizministerin Bandion-Ortner: "Wir wollen Männer vermehrt dazu bringen, elterliche Verantwortung zu übernehmen - im Sinne des Wohls der Kinder", klingt gewinnend, verschweigt aber, dass die Möglichkeit der gemeinsamen Obsorge bei ehelichen und unehelichen Kindern ohnehin gesetzlich verankert ist. Ebenso ermöglicht die derzeitige Gesetzeslage weitreichende Möglichkeiten zur Gestaltung des Besuchsrechtes.

Gemeinsames Recht ohne gemeinsame Pflichten?

Täglich verdeutlicht die Beratungsarbeit, dass gemeinsames Recht noch lange nicht gemeinsame Pflichten bedeutet. Unsere Besorgnis bezüglich einer gemeinsamen verpflichtenden Obsorge bei unverheirateten Paaren bzw. auch nach Scheidungen ist berechtigt, da diese Vorgangsweise das Wohl aller Beteiligten außer Acht lässt.

Um die Lebensrealität von Frauen und Kindern zu verbessern, wären folgende verpflichtende politische Antworten notwendig:

- Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit (Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflegearbeit), die überwiegend von Frauen geleistet wird

- Erhöhung der Väterkarenz, da nur annähernd 3.5 Prozent der Väter diese in Anspruch nehmen

  • Aktive Maßnahmen gegen Armut, die in einem hohen Ausmaß Alleinerzieherinnen und Kinder trifft (Mindeststandards bei Einkommen und den sozialen Sicherungssystemen)
  • Verpflichtende Standards bei Obsorge und Besuchsrecht, wenn es in der Ehe und Lebensgemeinschaft Gewalt gegen Frauen und Kinder gibt (Aufhebung der Obsorge, Aussetzung des Besuchsrechtes)
  • Ausbau, ausreichende finanzielle Ausstattung von Beratungseinrichtungen, Besuchscafes u.a.

Die Aussagen von Frau Justizministerin Bandion-Ortner: "Es müssen die Rechte von Vätern gestärkt werden" oder "Die meisten unverheirateten Väter glauben, dass sie ohnehin keine Chance haben, etwas mitzureden", gehen an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Im Gegenteil, es festigt die mit nichts zu untermauernde öffentliche Klage, dass Männer/Väter permanent Opfer und damit keine Subjekte mit Handlungsmöglichkeiten sind.

Resümee

Wir teilen die Sicht von Frau Bundesministerin Heinisch-Hosek und vieler ExpertInnen der heutigen Enquete: Verpflichtende gemeinsame Obsorge bei unverheirateten Paaren bzw. auch nach Scheidungen ist keine Option, weder für eine gelungene Vaterschaft noch für eine Verbesserung der Situation von Alleinerzieher/innen, noch für klare Verhältnisse für das Kind.

Wenn zwischen den Eltern eine Gesprächs- und Kooperationsbasis auch jenseits der Paarbeziehung (weiter) besteht, kann die gemeinsame Obsorge gelingen. Ist das nicht der Fall, dann zeigt die Erfahrung, dass gemeinsame Obsorge nicht funktioniert, sondern nur allzu leicht als Mittel zur Ausübung von Macht und Kontrolle benutzt werden kann.

Aktive Väter, welche sowohl Väterkarenz, Pflegeurlaube und Teilzeitarbeit in Anspruch nehmen um für ihre Kinder da zu sein, würden die Situation positiv verändern. Gemeinsame Elternschaft in der Praxis, faire Verteilung von dazu nötiger Arbeit und damit verbundenen Einschränkungen bilden die Voraussetzung für eine gemeinsame Obsorge, für die wir uns einsetzen sollten - Männer wie Frauen.

Solange sich an der gesellschaftlichen Realität nichts ändert, halten wir die derzeitige Gesetzeslage für mehr als ausreichend.

Rückfragen & Kontakt:

"Netzwerk Österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen"
Mail: netzwerk@netzwerk-frauenberatung.at
www.netzwerk-frauenberatung.at

"Vernetzung NÖ- Frauen- und Mädchenberatungsstellen"
Frauenberatungsstelle Kassandra, Tel. 0699-10684137
Mail: kassandra@inode.at
www.frauenberatung-kassandra.at

Frauenberatungsstelle Zwettl, Tel. 02822 52271
Mail: office@frauenberatung.zwettl.at
www.frauenberatung.zwettl.at

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