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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Schattenboxen"

Ausgabe vom 25. Juni 2010

Wien (OTS) - Die Reise nach Toronto zum Gipfel der 20 wichtigsten
Industriestaaten und Schwellenländer dürfte so mancher Staatenlenker
als willkommene Atempause von der Heimatfront betrachten.

US-Präsident Barack Obama muss zumindest an diesem Wochenende nicht
schon wieder die Gummistiefel anziehen und den Menschen an den
ölverschmutzten Küstenstreifen am Golf von Mexiko seine eigene
Hilflosigkeit mit empathischer Eloquenz erläutern.

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel wiederum wird wohl über jeden
Kilometer froh sein, den sie zwischen sich und FDP-Chef Guido
Westerwelle bringt. Die Sinnsuche ihres liberalen Koalitionspartners
lässt die Regierung in Berlin seit Wochen am Abgrund entlangtänzeln.

Bei Nicolas Sarkozy weiß man nicht so recht, ob es ihm nicht doch
irgendwie gelingt, das ballesterische Desaster seiner "Les Blöds" für
sich zu nutzen: Immerhin steht der Kampf gegen selbstverliebte,
arrogante Millionäre derzeit ganz oben auf jeder politischen
Agenda-Liste; warum sollte das nicht auch bei diesen verhassten
Fußball-Millionären gelingen? Den Widerstand der traditionell
kampflustigen Gewerkschaften gegen seine Pensionsreform zu
überwinden, dürfte Sarkozy dagegen sehr viel mehr Mühe kosten.

Großbritannien und Japan werden durch David Cameron und Naoto Kan von
zwei blutigen Anfängern auf dem internationalen Parkett vertreten.
Australiens neue Regierungschefin Julia Gillard schickt überhaupt
gleich ihren Vize als Ersatz.

So trägt fast jeder der in Kanada versammelten Spitzenpolitiker
seinen ganz persönlichen Sorgenrucksack mit sich herum. Von den
sachlichen Differenzen bei den politischen und regulatorischen
Konsequenzen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise zwischen den
einzelnen Staaten und Regionen ist da noch gar nicht die Rede.
Reden wird daher Gold sein in Toronto. Die wichtigsten Adressaten
sitzen nicht gegenüber am Konferenztisch; die Worte von Obama,
Merkel, Sarkozy und Co richten sich ans zunehmend irritierte
Heimatpublikum. Schattenboxen und Schaulaufen sind in den nächsten
Tagen angesagt. Nach dem Dafürhalten der Damen und Herren ist die
Zeit noch nicht reif für gemeinsame Entscheidungen.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel

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