• 19.06.2010, 19:38:56
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Letzte Unterwerfung" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 20.06.2010

Graz (OTS) - In den Nachrufen auf Hans Dichand spiegeln sich
noch einmal die Verhältnisse im Land.

Respekt vor einem Lebensbogen, der sich schließt, das gebietet der
Anstand. Aber muss man die problematischen Aspekte eines Wirkens, das
folgenschwer in den öffentlichen Raum hineinwirkt, unterschlagen? In
den Huldigungen, die die politische Elite Hans Dichand, dem
verstorbenen Verleger der "Kronen Zeitung", zuteilwerden ließ,
spiegelt sich noch einmal das unselige Verhältnis zwischen der
herrschenden Klasse des Landes und dessen auflagenstärkster
Boulevardzeitung.

Die kollektive Ehrerbietung trug jene Züge des Eilfertig-
Liebedienerischen, die schon zu Lebzeiten die politische Kultur
verformten. Nichts versinnbildlichte diesen letzten Unterwerfungsakt
besser als die Geste des Kanzlers, als er eigens den EU-Gipfel
unterbrach, um in die Kamera zu kondolieren - jenem väterlichen
Freund, der ihn zum Kanzler hinaufgeschrieben hatte und den Dank
opulent zurückinseriert bekam.

Im Gleichklang beteuerten die Politiker, wie sehr Dichand das Land
geprägt habe: Damit, so schrieb die "Süddeutsche", unterschrieb die
Politik ihre Kapitulationserklärung. Posthum hätten die Politiker
diesem Mann beglaubigt, dass er sie vor sich hergetrieben habe.

Anderswo versteigt sich politische Macht dazu, Medien zu gängeln.
Hier ist es umgekehrt. Hier wird die politische Klasse Gassi geführt.
Willfährig ließ sie sich für "Krone"-Kampagnen vor den
Propaganda-Karren spannen. Informationen wurden gefiltert,
abweichende Meinungen unterdrückt. Missliebigen schnitt das Blatt die
Ehre ab. Die Opfergalerie reicht von Bernhard bis Busek, von Peymann
bis Plassnik.

Die anderen apportierten auf Zuruf oder ohne. Man denke an den
Reuebrief von Faymann-Gusenbauer als Konzession an den rabiaten
Anti-EU-Kurs der "Krone" oder an die bizarre, von Dichand befohlene
eidesstattliche Nazi-Distanzierung der Barbara Rosenkranz. Beides
hatte etwas Hündisches.

Auch der Kardinal hat sich bedankt und verneigt. Höflich möchte man
nachfragen: Wofür? Für die Sonntagsseite? Für das christliche
Menschenbild der "Krone"? Für die Achtung der Würde, die sich
niederschlug in Titeln wie "Trude, das Schweinchen, macht alles",
einem Aufmacher über eine Hilfskrankenschwester? Für das Nahsein am
Leser?

Darin war Dichand Meister. Er erroch die Schwingungen, fragte nicht
nach dem Geruch und verstärkte sie. Die Krone ist eine monströse
Rückkoppelungsmaschine. Den besseren, ressentimentfreien Menschen
hatte Dichand nie im Sinn. Er ließ die Leser lesen, was sie immer
dachten, und die Leser freuten sich über die Übereinstimmung. Hans
Dichand wollte nichts, das aber sehr erfolgreich. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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