• 17.06.2010, 18:30:11
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Bis zuletzt im Zentrum der Macht - von Esther Mitterstieler

Zum erfolgreichen Zeitungmachen gehören unkonventionelle Wege

Wien (OTS) - Hans Dichand ist tot und eine der einflussreichsten
Zeitungen der Welt ohne Kopf. Nach 89 Jahren verließ der gebürtige
Grazer jenen Vorhof der Macht, den er in seiner Autobiografie 1996
noch als einen Ort beschrieben hatte, in dem er als Verleger der
mächtigsten Zeitung im Land verweilte. Dabei war damals schon klar,
dass sich Dichand mit seinen Kampagnen zu Themen wie Zwentendorf,
Temelin, Gentechnik mitten im Hof der Macht befand: Der greise
Verleger wurde von den Mächtigen des Landes umworben wie kein
Zweiter. Allein, dass der wenige Wochen später als Bundeskanzler
vereidigte Werner Faymann mit seinem Vorgänger Alfred Gusenbauer
einen Brief an die "Krone" schrieb und die Europa-Linie seiner Partei
in Richtung mehr EU-Volksabstimmungen änderte, spricht für sich. Auch
ÖVP-Chef Josef Pröll spielt kräftig mit auf der Klaviatur des
Boulevards.

So zweischneidig das Schwert verlegerischer Macht ist, eines muss man
Dichand konstatieren: Der einflussreichste Medienmacher der Zweiten
Republik hat wie kein anderer die österreichische Seele durchschaut
und für seine Zwecke genutzt. So schweißte er die Österreicherinnen
und Österreicher in der Waldheim-Zeit zusammen, auch in der
Schüssel-Ära gegen die EU mit ihren Sanktionen gegen das von der FPÖ
mitregierte Land. Verschwörungstheorien und die Angst vor dem Fremden
ließen sich da Hand in Hand im zweifelhaften Nutzen des Lesers
einsetzen.

Hans Dichand, der als Drucker das journalistische Handwerk von der
Pike auf gelernt hat und von der "Murtaler Zeitung" über die "Kleine
Zeitung", den "Kurier" und die "Krone" 50 Jahre lang die Fäden der
Macht ziehen sollte, bleibt in so mancher Entscheidung umstritten.
Eines aber ist gewiss: Als Zeitungmacher hat er es verstanden, den
Kontakt zum Leser nicht zu verlieren. Im Jahr 2000 nahm Dichand zum
ersten Mal in seiner Rolle als Herausgeber der "Krone" einen Preis an
- den Hermes-Preis des WirtschaftsBlatt für "den Erfolg unter kühner
Missachtung herkömmlicher Methoden". Dichand im Originalzitat: "Zum
erfolgreichen Zeitungmachen gehört es eben, eingefahrene Bahnen zu
verlassen, die Barrieren der Gewohnheit zu überwinden und
unkonventionelle Wege und Lösungen zu suchen." Das ist ihm bis
zuletzt gelungen - die Krone hat eine Reichweite von mehr als 40
Prozent.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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