WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Bis zuletzt im Zentrum der Macht - von Esther Mitterstieler

Zum erfolgreichen Zeitungmachen gehören unkonventionelle Wege

Wien (OTS) - Hans Dichand ist tot und eine der einflussreichsten Zeitungen der Welt ohne Kopf. Nach 89 Jahren verließ der gebürtige Grazer jenen Vorhof der Macht, den er in seiner Autobiografie 1996 noch als einen Ort beschrieben hatte, in dem er als Verleger der mächtigsten Zeitung im Land verweilte. Dabei war damals schon klar, dass sich Dichand mit seinen Kampagnen zu Themen wie Zwentendorf, Temelin, Gentechnik mitten im Hof der Macht befand: Der greise Verleger wurde von den Mächtigen des Landes umworben wie kein Zweiter. Allein, dass der wenige Wochen später als Bundeskanzler vereidigte Werner Faymann mit seinem Vorgänger Alfred Gusenbauer einen Brief an die "Krone" schrieb und die Europa-Linie seiner Partei in Richtung mehr EU-Volksabstimmungen änderte, spricht für sich. Auch ÖVP-Chef Josef Pröll spielt kräftig mit auf der Klaviatur des Boulevards.

So zweischneidig das Schwert verlegerischer Macht ist, eines muss man Dichand konstatieren: Der einflussreichste Medienmacher der Zweiten Republik hat wie kein anderer die österreichische Seele durchschaut und für seine Zwecke genutzt. So schweißte er die Österreicherinnen und Österreicher in der Waldheim-Zeit zusammen, auch in der Schüssel-Ära gegen die EU mit ihren Sanktionen gegen das von der FPÖ mitregierte Land. Verschwörungstheorien und die Angst vor dem Fremden ließen sich da Hand in Hand im zweifelhaften Nutzen des Lesers einsetzen.

Hans Dichand, der als Drucker das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt hat und von der "Murtaler Zeitung" über die "Kleine Zeitung", den "Kurier" und die "Krone" 50 Jahre lang die Fäden der Macht ziehen sollte, bleibt in so mancher Entscheidung umstritten. Eines aber ist gewiss: Als Zeitungmacher hat er es verstanden, den Kontakt zum Leser nicht zu verlieren. Im Jahr 2000 nahm Dichand zum ersten Mal in seiner Rolle als Herausgeber der "Krone" einen Preis an - den Hermes-Preis des WirtschaftsBlatt für "den Erfolg unter kühner Missachtung herkömmlicher Methoden". Dichand im Originalzitat: "Zum erfolgreichen Zeitungmachen gehört es eben, eingefahrene Bahnen zu verlassen, die Barrieren der Gewohnheit zu überwinden und unkonventionelle Wege und Lösungen zu suchen." Das ist ihm bis zuletzt gelungen - die Krone hat eine Reichweite von mehr als 40 Prozent.

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