- 17.06.2010, 16:05:13
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"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Mehr als ein Journalist"
Hans Dichand war in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung.
Wien (OTS) - Seine 1996 erschienenen Memoiren betitelte Hans
Dichand kokett "Im Vorhof der Macht." Sein treuer Knappe Hans
Janitschek nannte seinen Schmöker über Dichand "Nur ein Journalist".
Solche hemmungslosen Untertreibungen sollten den Medienzaren als
einen genügsamen Mann aus dem Volk präsentieren, der lieber seinen
Hund streichelt, als Macht auszuüben.
Genauso gehörte die Übertreibung zu Dichand. Bis in die jüngste
Vergangenheit galt er als der heimliche Kanzler, und seine Feinde
verbreiteten voll Angstlust die Mär von seiner ewigen
Regierungszeit.
In Wahrheit hatte er gewaltigen politischen Einfluss nur bei
jenen, die an seine Allmacht glauben wollten. Es waren freilich sehr
viele, die mit widerwärtigem Opportunismus auf echte oder
vermeintliche Wünsche des Krone-Chefs eingingen.
Handwerklich war Dichand in seiner Glanzzeit ein großartiger
Zeitungsmacher. Er schöpfte dabei aus den Erfahrungen eines bewegten
Lebens.
"Mein Leben besteht ja aus lauter Storys", sagte er gern und
begann eine weitschweifige Erzählung über seine Zeit in der
Kriegsmarine; seine Einheit besorgte den Nachschub für Rommels
Afrikakorps.
Er versammelte, zuerst beim KURIER, dann bei der Krone, exzellente
Journalisten um sich. Es war ein bunter Haufen, stockkonservativ die
einen, liberal oder grün die anderen. Was sie verband, war die
Vergötterung Dichands. Später endeten viele dieser jahrzehntelangen
Beziehungen in Hass und Hader: Dichand war übergroß in seinen Zu- wie
Abneigungen.
Entscheidend für seinen publizistischen und wirtschaftlichen
Erfolg war sein journalistischer Riecher. Er wollte "dem Leser nahe
sein" und hatte eine Witterung für kommende Themen. Das Aufkommen der
Umweltbewegung spürte er schon vor mehr als dreißig Jahren. Ohne
seinen Widerstand wäre die Hainburger Au 1984 zerstört worden. Damit
wurde er zum Geburtshelfer der Grünen.
Aber er war auch ein Totengräber der politischen Kultur. Jörg
Haiders steiler, unheilvoller Aufstieg wäre ohne die Beihilfe der
Krone so nicht möglich gewesen. Künstler wie Thomas Bernhard und die
spätere Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wurden gnadenlos
verfolgt. Dichands Hausdichter Wolf Martin wurde auf widerspenstige
Politiker losgelassen, wobei kein Untergriff zu brutal schien.
Versteckter Antisemitismus, offene Ausländerfeindlichkeit und
Schlag-Zeilen gegen jeden, der aufmuckte - auch das gehörte zu Hans
Dichand.
Nicht alle ließen sich biegen. ÖVP-Kanzler Schüssel und seine
damalige Außenministerin Plassnik überstanden alle Attacken. Diesen
Mut hatten nicht viele.
Hans Dichand war eine Ausnahmeerscheinung in jeder Hinsicht. Nun
verändert sich die politische und die publizistische Landschaft.
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Tel.: (01) 52 100/2601
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