"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Mehr als ein Journalist"

Hans Dichand war in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung.

Wien (OTS) - Seine 1996 erschienenen Memoiren betitelte Hans
Dichand kokett "Im Vorhof der Macht." Sein treuer Knappe Hans Janitschek nannte seinen Schmöker über Dichand "Nur ein Journalist". Solche hemmungslosen Untertreibungen sollten den Medienzaren als einen genügsamen Mann aus dem Volk präsentieren, der lieber seinen Hund streichelt, als Macht auszuüben.
Genauso gehörte die Übertreibung zu Dichand. Bis in die jüngste Vergangenheit galt er als der heimliche Kanzler, und seine Feinde verbreiteten voll Angstlust die Mär von seiner ewigen Regierungszeit.
In Wahrheit hatte er gewaltigen politischen Einfluss nur bei jenen, die an seine Allmacht glauben wollten. Es waren freilich sehr viele, die mit widerwärtigem Opportunismus auf echte oder vermeintliche Wünsche des Krone-Chefs eingingen.
Handwerklich war Dichand in seiner Glanzzeit ein großartiger Zeitungsmacher. Er schöpfte dabei aus den Erfahrungen eines bewegten Lebens.
"Mein Leben besteht ja aus lauter Storys", sagte er gern und begann eine weitschweifige Erzählung über seine Zeit in der Kriegsmarine; seine Einheit besorgte den Nachschub für Rommels Afrikakorps.
Er versammelte, zuerst beim KURIER, dann bei der Krone, exzellente Journalisten um sich. Es war ein bunter Haufen, stockkonservativ die einen, liberal oder grün die anderen. Was sie verband, war die Vergötterung Dichands. Später endeten viele dieser jahrzehntelangen Beziehungen in Hass und Hader: Dichand war übergroß in seinen Zu- wie Abneigungen.
Entscheidend für seinen publizistischen und wirtschaftlichen Erfolg war sein journalistischer Riecher. Er wollte "dem Leser nahe sein" und hatte eine Witterung für kommende Themen. Das Aufkommen der Umweltbewegung spürte er schon vor mehr als dreißig Jahren. Ohne seinen Widerstand wäre die Hainburger Au 1984 zerstört worden. Damit wurde er zum Geburtshelfer der Grünen.
Aber er war auch ein Totengräber der politischen Kultur. Jörg Haiders steiler, unheilvoller Aufstieg wäre ohne die Beihilfe der Krone so nicht möglich gewesen. Künstler wie Thomas Bernhard und die spätere Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wurden gnadenlos verfolgt. Dichands Hausdichter Wolf Martin wurde auf widerspenstige Politiker losgelassen, wobei kein Untergriff zu brutal schien. Versteckter Antisemitismus, offene Ausländerfeindlichkeit und Schlag-Zeilen gegen jeden, der aufmuckte - auch das gehörte zu Hans Dichand.
Nicht alle ließen sich biegen. ÖVP-Kanzler Schüssel und seine damalige Außenministerin Plassnik überstanden alle Attacken. Diesen Mut hatten nicht viele.
Hans Dichand war eine Ausnahmeerscheinung in jeder Hinsicht. Nun verändert sich die politische und die publizistische Landschaft.

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