- 14.06.2010, 18:15:11
- /
- OTS0280 OTW0280
WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Warum wir jetzt die Psychologie brauchen - von Esther Mitterstieler
Die reale Verfassung der Wirtschaft nicht vergessen
Wien (OTS) - Die derzeitige Lage am konjunkturellen Himmel ist gar
nicht so schlecht. Und außer ein paar Wolken am Himmel könnten uns
die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute und der Europäischen
Kommission durchaus hoffnungsfroh stimmen. Die Oesterreichische
Nationalbank (OeNB) legt noch eines drauf und sieht heuer ein reales
Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent für Österreich voraus - Tendenz
steigend für 2011 (plus 1,8 Prozent) und 2012 (plus 2,1 Prozent).
Schon vergessen? Im Vorjahr ist unsere Wirtschaft noch um 3,4 Prozent
geschrumpft.
Wann, wenn nicht jetzt, ist es an der Zeit, das Gejammere abzulegen
und nach vorne zu schauen? Jetzt haben wir im Mai ein megadickes
750-Milliarden-Euro-Wohlfühlpaket für die kriselnden EU-Staaten
geschnürt. Nur wohl fühlen tut sich offensichtlich immer noch keiner
- im Gegenteil. Da plappern die Ungarn wie vertrottelt über eine
mögliche Pleite des eigenen Staates, die Spanier sagen zumindest
noch, sie wollen auf kein EU-Geld zurückgreifen, Italiens Premier
Silvio Berlusconi hat monatelang getan, als ob die Krise an Italien
vorbeiziehen würde, um nun die Handbremse zu ziehen und
beispielsweise die Gehälter der öffentlich Bediensteten zu kürzen.
Alle sind getrieben von einer Kraft: das Misstrauen in die eigenen
Erneuerungskräfte. Die Gerüchteküche brodelt und lässt die Märkte
dementsprechend verrückt spielen. Und das Wichtigste, die reale
Verfassung der Wirtschaft, wird vergessen. Wie sagte der ehemalige
deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard so trefflich: "50 Prozent der
Wirtschaftspolitik sind Psychologie." Seine Nachfolgerin Angela
Merkel zitiert den Vater des deutschen Wirtschaftswunders zwar gerne,
das Runterbrechen in die tägliche Politik ist ihr bisher misslungen.
So wiederholt sich die Geschichte und die politischen Granden sind
wie gelähmt. Pauschal gegen Spekulanten zu wettern, nutzt nichts.
Genauso wenig die pauschale Verurteilung der Rating-Agenturen.
Zuerst regen wir uns auf, dass Moody's sogar Österreich (im März
vorigen Jahres) rügte, dann wieder haben die Rating-Agenturen und die
EU im Fall von Griechenland beide Augen zugemacht. Wieder schließt
sich der Kreis des dahingeschwundenen Vertrauens in alles und jeden.
Wir jammern jetzt schon ziemlich lange. Wir müssen neue Wege
beschreiten. Die Zeit des Wachstums über alles ist vorbei. Kleinere
Brötchen backen ist gefragt, dafür beständigere und solidere. Dazu
gehören auch strengere Regeln an den Finanzmärkten, was sich im
Übrigen als ein Mittel gegen unnötige Gerüchte entpuppen könnte.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB






