• 09.06.2010, 17:51:40
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Unerbittliche Unvernunft"

Ausgabe vom 10. Juni 2010

Wien (OTS) - Freiheit, Demokratie und ihre Bürger: Kennen Sie in
Österreich einen Politiker, der sich über das Verhältnis dieser Trias
ernsthafte, kluge und zugleich unbequeme Gedanken macht?

In Deutschland gibt es einige. Einer von ihnen ist Joachim Gauck. Der
70-jährige protestantische Pastor und Bürgerrechtler aus Rostock
machte sich als Leiter der Stasi-Akten-Behörde um die deutsche
Einheit verdient. Nun kandidiert er für SPD und Grüne für das Amt des
Bundespräsidenten. Und das, obwohl er eigentlich viel besser zur
Koalition aus Christlich-Konservativen und Liberalen passt.

Gauck warnt davor, die Existenz als selbstbewusster Bürger gegen ein
Dasein als passiver Konsument einzutauschen. Er beobachtet die für
eine liberale Demokratie gefährliche Entwicklung, dass immer mehr
Menschen Freiheit - ihre eigene wie die der anderen - als Bedrohung
wahrnehmen und sich lieber einer fürsorglichen, aber dafür
entmündigenden Obhut anderer ausliefern. Er beharrt in seinen Reden
und Schriften darauf, dass Freiheit ohne gelebte Verantwortung
bestenfalls nur eine halbe Sache ist. Und bei all diesen
grundsätzlichen Gedanken verliert er in seinem Reden und Handeln
nicht die oftmals erschreckend komplizierte Realität aus den Augen:
Für ihn ist nämlich Demokratie das Komplizierte, das auch einfache
Menschen beherrschen. Nur wollen müssen diese schon selbst.

Man kann gut verstehen, dass es nicht wenigen Mandataren der
Koalition in den Fingern juckt, in der Bundesversammlung am 30. Juni
für Gauck und gegen den eigenen Kandidaten, Niedersachsens
Ministerpräsident Christian Wulff, zu stimmen. Blitzumfragen
attestieren dem wortgewaltigen Pastor eine überwältigende Mehrheit in
der Bevölkerung, und schon regen sich Stimmen, die für eine
Direktwahl des deutschen Bundespräsidenten plädieren. (Was waren noch
gleich die Themen im österreichischen Hofburg-Wahlkampf?)
Die wird nicht kommen; und Kanzlerin Angela Merkel, selbst
Pastoren-Tochter aus dem ehemaligen Osten, wird Wulff auch nicht
zurückziehen und Gauck als Konsenskandidaten auf den Schild heben.
Merkel kann sich keine weiteren Pannen ihrer prekären
Regierungskonstellation mehr leisten. Deshalb muss Wulff die Wahl
gewinnen. Politik ist manchmal unerbittlich in ihrer Unvernunft.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel

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