- 03.06.2010, 20:13:52
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fitnesstest der Bauern für das 21. Jahrhundert" (Von Johannes Kübeck)
Ausgabe vom 4.6.2010
Graz (OTS) - Sechs Jahre nach der Ausweitung der Europäischen
Union nach Mittel- und Osteuropa beginnt die Integration dieser
Länder in einem der wichtigsten EU-Politikfelder, der Landwirtschaft.
Das hat deshalb große Bedeutung, weil die Sorge für den Agrarsektor
wie die Ideale von Frieden und Freihandel zu den Grundpfeilern des
europäischen Prozesses gehört.
Doch die Grundbedingungen für die Landwirtschaft haben sich
unglaublich verändert, die Erweiterung ist nur ein Teil davon. In der
Agrarpolitik geht es im 21. Jahrhundert nicht mehr um die Ernährung
der Menschen. Das besorgt statt der Landwirte längst der
Lebensmittelhandel. Hunger ist gottlob nur noch ein Randphänomen.
Enorme Fortschritte haben die Produktion der Bauern in ungeahnte
Höhen katapultiert, immer weniger Landwirte erzeugen immer mehr.
Und doch geht es der Mehrheit der Bauern nicht gut. Die wichtigste
Ursache: Mit seiner "Geiz ist geil"-Manie entwertet der Handel
wertvolle Lebensmittel zu billigen Lockartikeln. Die Landwirte sind
nicht mehr gleichberechtigte Partner der Supermarktketten, sondern
Abhängige ihrer Marktmacht. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen
der Gesellschaft an die Landwirte beim Tier- oder Naturschutz. Die
Kosten der Bauern stiegen, die Einkommen kamen noch stärker unter
Druck.
Es gibt also gute Gründe, den Bauern aus bestimmten Motiven einen
Schutzschirm aufzuspannen. Sei es in Form von Subventionen, sei es
auf andere Art. Das ließ sich die EU einst 70 und heute noch 40
Prozent des EU-Budgets kosten.
Jetzt geht es um die nächste Phase dieser gemeinsamen Agrarpolitik.
Neu ist, dass die Millionen hinzugekommenen Landwirte aus Mittel- und
Osteuropa nach einer Übergangsphase die gleichberechtigte Behandlung
einfordern.
In den nächsten Monaten geht es also um enorm viel. Europas Landwirte
können bei diesem Prozess sogar auf eine gewisse Sympathie der
Öffentlichkeit bauen. Die werden sie auch brauchen, um von den
Organen der EU die Schutzmechanismen zu bekommen, die sie benötigen.
Denn die Agrarpolitik ist seit dem Lissabon-Vertrag nicht mehr allein
Sache der Agrarpolitiker. Das EU-Parlament hat das volle
Mitbestimmungsrecht.
Die Bauern und ihre Verhandler müssen deshalb erstmals eine neue Art
Fitnesstest bestehen. Sie müssen in einen offenen Dialogprozess mit
der Öffentlichkeit treten. Nur wenn alle Bürger glauben, dass die
künftige Agrarpolitik auch ihnen nützt, werden die Bauern sie auch
bekommen.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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