"KURIER"-Kommentar von Karin Leitner: "Aussitzen statt abtreten"

In der heimischen Politik gibt es keine Rücktrittskultur.

Wien (OTS) - Horst Köhler ist deutsche Geschichte. Der Bundespräsident des Nachbarlandes hat abgedankt, weil er wegen Aussagen zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan scharf kritisiert worden ist (siehe Seite 6).
Eine Mimose zu sein, wird ihm vorgeworfen; einer, der nicht in der Politik sozialisiert worden sei, tauge eben nicht für dieses Metier. Man kann es auch so sehen: Jemand, der sich nicht mehr wertgeschätzt fühlt, zieht die Konsequenzen. Köhler ist kein Sesselkleber.
In der heimischen Politik-Szene kann man solches Verhalten wohl nicht nachvollziehen. In Österreich gibt es keine Rücktrittskultur. Hier gilt: aussitzen statt abtreten. Hier sind rechtskräftig Verurteilte - wie BZÖ-Mann Westenthaler und FPÖ-Frau Winter - im Parlament. Hier ist einer Nationalratspräsident, der sich im extrem rechten Milieu bewegt. Hier erklären Wahlverlierer, dass es falsch wäre, gerade jetzt den Platz zu räumen. Und die Parteifreunde stehen zur Seite; man könnte ja selbst in eine solche Situation geraten. Horst Köhler mag dünnhäutig sein. Das ist aber besser als jenes dicke Fell, das sich viele Politiker zugelegt haben. Damit ist ihnen etwas Wichtiges abhanden gekommen - das Gespür für das, was zumutbar ist.

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