• 29.05.2010, 18:50:04
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gift auf die braune Suppe" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 30.05.2010

Graz (OTS) - Wie sich die Bilder gleichen. Alle Jahre wieder
scheitert irgendwo ein Schiff, rostig und hässlich. Ölfilm legt sich
auf Gefieder und Strände. Jahre später noch kleben schwarze Klumpen
am Fuß des Strandspaziergängers. Da ist das Desaster, das sie an Land
geschwemmt hat, schon längst wieder vergessen.

Diesmal wird das Vergessen schwierig. Zu groß ist die verwüstete
Region, zu gigantisch die Masse des ausgeflossenen Öls, zu groß sind
die Schäden, die Anrainer, Fauna und Flora erlitten haben und noch
erleiden werden. Das Desaster auf der BP-Bohrplattform im Golf von
Mexiko ist so verheerend, dass wir seine Konsequenzen noch nicht
absehen können.

Zeichen an der Wand: Das Finanzsystem gerät an den Rand des
Zusammenbruchs, erste Zeichen des Klimawandels werden sichtbar und
nun demonstriert die Ölpest unsere junge Fähigkeit, das Gleichgewicht
der Welt ins Wanken zu bringen. Jeder einzelne Schritt eines
Investors, jede Einzelentscheidung von Bohrunternehmen mag
nachvollziehbar sein, ja richtig. Alle zusammen aber strapazieren das
Gesamtsystem so sehr, dass die Grenzen seiner Belastbarkeit sichtbar
werden. Das scheinbar Unverwüstliche zeigt sich in seiner
Zerbrechlichkeit.

Der amerikanische Evolutions-Biologe und Biogeograph Jared Diamond
hat vor fünf Jahren im Buch "Kollaps" die Ursachen für den
Zusammenbruch von Gesellschaften dargestellt. Fünf Gründe für den
Zerfall führt er an: Umweltzerstörung, Klimawandel, Feinde, Wegfall
von Handelspartnern und die Unfähigkeit zur Anpassung an veränderte
Gegebenheiten.

Zumindest drei dieser Faktoren sind auch uns vertraut. Wir
verbrauchen ungehemmt, was nicht nachwächst, wir haben das Weltklima
destabilisiert und zeigen bisher nur geringe Einsicht in die
notwendigen Anpassungsmaßnahmen. Sinnbild dafür ist die Idee von BP,
den Ölteppich von Flugzeugen aus mit Tonnen giftiger Chemikalien zu
besprühen, damit die braune Suppe nicht mehr sichtbar an der
Wasseroberfläche treibt. So bekämpft der Vogel Strauß seine Krisen.

Als 1972 der Club of Rome von den Grenzen des Wachstums sprach, löste
die Studie einen Schock aus. Die Grünen entstanden, das Fahrrad
erlebte seinen zweiten Frühling, Jute machte Plastik Konkurrenz und
klein schien schön. Heute, da die Grenzen des Wachstums mit Händen zu
greifen sind, ist solcher Eifer nicht zu bemerken. Die Grünen dünsten
im eigenen Saft, Sozialdemokraten verteidigen ihre Errungenschaften
und Christdemokraten fällt auch nicht viel ein. Ein prächtiger Fall
für die Biogeographen der Zukunft.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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