"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gift auf die braune Suppe" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 30.05.2010

Graz (OTS) - Wie sich die Bilder gleichen. Alle Jahre wieder scheitert irgendwo ein Schiff, rostig und hässlich. Ölfilm legt sich auf Gefieder und Strände. Jahre später noch kleben schwarze Klumpen am Fuß des Strandspaziergängers. Da ist das Desaster, das sie an Land geschwemmt hat, schon längst wieder vergessen.

Diesmal wird das Vergessen schwierig. Zu groß ist die verwüstete Region, zu gigantisch die Masse des ausgeflossenen Öls, zu groß sind die Schäden, die Anrainer, Fauna und Flora erlitten haben und noch erleiden werden. Das Desaster auf der BP-Bohrplattform im Golf von Mexiko ist so verheerend, dass wir seine Konsequenzen noch nicht absehen können.

Zeichen an der Wand: Das Finanzsystem gerät an den Rand des Zusammenbruchs, erste Zeichen des Klimawandels werden sichtbar und nun demonstriert die Ölpest unsere junge Fähigkeit, das Gleichgewicht der Welt ins Wanken zu bringen. Jeder einzelne Schritt eines Investors, jede Einzelentscheidung von Bohrunternehmen mag nachvollziehbar sein, ja richtig. Alle zusammen aber strapazieren das Gesamtsystem so sehr, dass die Grenzen seiner Belastbarkeit sichtbar werden. Das scheinbar Unverwüstliche zeigt sich in seiner Zerbrechlichkeit.

Der amerikanische Evolutions-Biologe und Biogeograph Jared Diamond hat vor fünf Jahren im Buch "Kollaps" die Ursachen für den Zusammenbruch von Gesellschaften dargestellt. Fünf Gründe für den Zerfall führt er an: Umweltzerstörung, Klimawandel, Feinde, Wegfall von Handelspartnern und die Unfähigkeit zur Anpassung an veränderte Gegebenheiten.

Zumindest drei dieser Faktoren sind auch uns vertraut. Wir verbrauchen ungehemmt, was nicht nachwächst, wir haben das Weltklima destabilisiert und zeigen bisher nur geringe Einsicht in die notwendigen Anpassungsmaßnahmen. Sinnbild dafür ist die Idee von BP, den Ölteppich von Flugzeugen aus mit Tonnen giftiger Chemikalien zu besprühen, damit die braune Suppe nicht mehr sichtbar an der Wasseroberfläche treibt. So bekämpft der Vogel Strauß seine Krisen.

Als 1972 der Club of Rome von den Grenzen des Wachstums sprach, löste die Studie einen Schock aus. Die Grünen entstanden, das Fahrrad erlebte seinen zweiten Frühling, Jute machte Plastik Konkurrenz und klein schien schön. Heute, da die Grenzen des Wachstums mit Händen zu greifen sind, ist solcher Eifer nicht zu bemerken. Die Grünen dünsten im eigenen Saft, Sozialdemokraten verteidigen ihre Errungenschaften und Christdemokraten fällt auch nicht viel ein. Ein prächtiger Fall für die Biogeographen der Zukunft.****

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