"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Tabubrecherin" (Von Hubert Patterer)

Ausgbe vom 23.05.2010

Graz (OTS) - Beatrix Karl ist für eine gemeinsame Schule der
10- bis 14-Jährigen. Sie verdient Rückhalt.

Gäbe es nur mehrere von ihrem Schlag! Erfrischend unkonventionell erfüllt Wissenschaftsministerin Beatrix Karl jenen Anspruch, an dem eigentlich Parteichef Josef Pröll gemessen werden wollte: Sie weitet und entzopft die ÖVP und treibt den gewerkschaftlichen Hartbeton der Partei in die geistige Selbstentblößung. Das ist Provokation im besten Sinne.

Die Unerschrockene hat gewagt auszusprechen, was in der Wissenschaft nicht einmal mehr diskutiert wird, so klar ist die Evidenz: dass es pädagogisch und sozial problematisch ist, Neuneinhalbjährige nebulos zu befunden und in unterschiedliche Bildungskanäle zu schicken, die prägend bleiben. So belegen alle Studien, dass die soziale Herkunft der Eltern in ungehörig hohem Ausmaß die Bildungsaussichten der Kinder vorgeben. Acht von zehn Volksschülern, deren Väter Pflichtschulabschluss haben, besuchen die Hauptschule. Die Wahrscheinlichkeit, dass Hauptschüler zur Matura gelangen, ist acht Mal geringer als bei Kindern, die mit zehn ins Gymnasium kommen.

Es ist nicht Aufgabe von Schule, die klassenlose Gesellschaft herzustellen, aber das System muss so gebaut sein, dass es allen Heranwachsenden die gleichen Chancen ermöglicht, unabhängig davon, welchem sozialen Milieu sie entstammen. Die frühe Trennung unterläuft dieses Bildungsziel.

Kein Experte von Rang zweifelt heute das Faktum an, dass durch die frühe Sortierung Begabungsreserven nicht ausgeschöpft werden. Eine Bildungsnation kann das nicht hinnehmen. Ihr Ziel muss es sein, dass möglichst viele Kinder ein möglichst breites Bildungsfundament erhalten, um in einer komplexen Lebens- und Berufswirklichkeit zu bestehen.

Führende Wissensnationen haben deshalb schon früh Hauptschule und gymnasiale Unterstufe zusammengeführt und die Lehrerausbildung unter ein gemeinsames, dünkelfreies Dach gestellt. Das Ergebnis ist kein egalitärer Brei, sondern eine anspruchsvolle Lernkultur, die nicht auf portionierte Stoffabfüllung abzielt, sondern auf Kompetenzen, die Eltern entlastet und das Nachhilfegewerbe obsolet macht.

Es ist eine Schule, die in sich so gefächert ist, dass die Talentierten eigens gefordert und die Schwächeren gefördert werden. Niemand wird nach unten durchgereicht. Das verlangt mehr Zeit als den Vormittag, mehr Arbeitsraum als den Konferenztisch und mehr personelle Ressourcen, erzielbar aus dem überfälligen Rückbau der Schulverwaltung und des Inspektionsunwesens.

Die ÖVP sollte den Weg frei machen. Es wäre eine Selbstbefreiung: vom falschen Dogma und einer Gewerkschaft, die sich gegen die Zukunft stellt. ****

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