• 22.05.2010, 19:01:21
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Tabubrecherin" (Von Hubert Patterer)

Ausgbe vom 23.05.2010

Graz (OTS) - Beatrix Karl ist für eine gemeinsame Schule der
10- bis 14-Jährigen. Sie verdient Rückhalt.

Gäbe es nur mehrere von ihrem Schlag! Erfrischend unkonventionell
erfüllt Wissenschaftsministerin Beatrix Karl jenen Anspruch, an dem
eigentlich Parteichef Josef Pröll gemessen werden wollte: Sie weitet
und entzopft die ÖVP und treibt den gewerkschaftlichen Hartbeton der
Partei in die geistige Selbstentblößung. Das ist Provokation im
besten Sinne.

Die Unerschrockene hat gewagt auszusprechen, was in der Wissenschaft
nicht einmal mehr diskutiert wird, so klar ist die Evidenz: dass es
pädagogisch und sozial problematisch ist, Neuneinhalbjährige nebulos
zu befunden und in unterschiedliche Bildungskanäle zu schicken, die
prägend bleiben. So belegen alle Studien, dass die soziale Herkunft
der Eltern in ungehörig hohem Ausmaß die Bildungsaussichten der
Kinder vorgeben. Acht von zehn Volksschülern, deren Väter
Pflichtschulabschluss haben, besuchen die Hauptschule. Die
Wahrscheinlichkeit, dass Hauptschüler zur Matura gelangen, ist acht
Mal geringer als bei Kindern, die mit zehn ins Gymnasium kommen.

Es ist nicht Aufgabe von Schule, die klassenlose Gesellschaft
herzustellen, aber das System muss so gebaut sein, dass es allen
Heranwachsenden die gleichen Chancen ermöglicht, unabhängig davon,
welchem sozialen Milieu sie entstammen. Die frühe Trennung unterläuft
dieses Bildungsziel.

Kein Experte von Rang zweifelt heute das Faktum an, dass durch die
frühe Sortierung Begabungsreserven nicht ausgeschöpft werden. Eine
Bildungsnation kann das nicht hinnehmen. Ihr Ziel muss es sein, dass
möglichst viele Kinder ein möglichst breites Bildungsfundament
erhalten, um in einer komplexen Lebens- und Berufswirklichkeit zu
bestehen.

Führende Wissensnationen haben deshalb schon früh Hauptschule und
gymnasiale Unterstufe zusammengeführt und die Lehrerausbildung unter
ein gemeinsames, dünkelfreies Dach gestellt. Das Ergebnis ist kein
egalitärer Brei, sondern eine anspruchsvolle Lernkultur, die nicht
auf portionierte Stoffabfüllung abzielt, sondern auf Kompetenzen, die
Eltern entlastet und das Nachhilfegewerbe obsolet macht.

Es ist eine Schule, die in sich so gefächert ist, dass die
Talentierten eigens gefordert und die Schwächeren gefördert werden.
Niemand wird nach unten durchgereicht. Das verlangt mehr Zeit als den
Vormittag, mehr Arbeitsraum als den Konferenztisch und mehr
personelle Ressourcen, erzielbar aus dem überfälligen Rückbau der
Schulverwaltung und des Inspektionsunwesens.

Die ÖVP sollte den Weg frei machen. Es wäre eine Selbstbefreiung: vom
falschen Dogma und einer Gewerkschaft, die sich gegen die Zukunft
stellt. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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