"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Die Überlebenstipps des Untergangs-Propheten"

Transaktionssteuer-Alleingang? Die restliche Welt streitet über andere Rezepte.

Wien (OTS) - Der Kanzler trommelt sie seit Monaten. Der Finanzminister rühmt sich, sie als Chef der VP-Perspektivengruppe einst erfunden zu haben (einführen will er sie allerdings nur im internationalen Gleichklang). Im Sonntags-KURIER-Interview plädiert VP-Mann Christoph Leitl nun "im Notfall" für einen österreichischen Alleingang bei der Finanztransaktionssteuer. Der Wirtschaftskammer-Chef will damit freilich die von Faymann ins Leben gerufene Bankenabgabe aus der Welt schaffen. Wesentliche Details wie diese fechten die neue marktschreierische Steuer-Debatte nicht an (Bericht Seite 3).
Im Vorfeld eines dreifachen Wahljahrs - beginnend im Burgenland -heizt sie der SP-Chef, wo immer er kann, nach Kräften an. Für Faymann steht die Finanztransaktions-Steuer jetzt ganz oben auf bei seiner Propaganda-Offensive "Die Verursacher sollen für die Krise zahlen". Aber was trägt dieses innenpolitische Getöse zum Gedeihen der schlingernden Weltwirtschaft bei?
Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat jüngst jenen Mann ausführlich zu Wort kommen lassen, der weltweit als "Prophet der Finanzkrise" gilt. Der New Yorker Ökonomie-Professor, Nouriel Roubini, hatte schon vier Jahre davor den Mega-Crash von Banken und ganzen Volkswirtschaften (wie zuletzt Griechenland) vorhersagt. Seine einsame Weitsicht bescherte ihm einen Gastauftritt als "Dr. Doom" ("Dr. Untergang") im Remake von "Wall Street", dem legendären Sittenbild der Börsenzocker-Welt mit Michael Douglas, der eben in den US-Kinos angelaufen ist (ab 1.10. in Österreich).
Crash-Prophet Roubini sieht die Wurzel des Übels in "Zombie-Banken". Um nach dem Finanz-Crash 2008 in den USA kranke Finanz-Riesen zu retten, wurden sie, so Roubini, auf Teufel komm raus zu noch größeren Riesen fusioniert.
Hier setzt auch das Krisen-Rezept des Wallstreet-Kenners an: "Das Modell eines Finanzsupermarkts hat sich als Flop erwiesen. Ein Institut, das unter einem Dach Investmentbanking, Hedgefonds, Versicherungen und noch mehr anbietet, ist nicht zu managen. Das muss alles künftig getrennt werden." Ein Vorschlag, der in den USA genauso heftig diskutiert wird wie eine Entkopplung der einflussreichen Rating-Agenturen von den Unternehmen, deren Bonität sie prüfen.
So schmerzlich die Erkenntnis für heimische Wahlkampfmanager sein mag. Auch die Österreicher spüren zunehmend: Der Schlüssel zu einer nachhaltig wirksamen Krisen-Feuerwehr liegt weder im Kanzleramt am Ballhauplatz noch im Finanzministerium in der Hinteren Zollamtstraße. Er liegt nicht allein im EU-Ratsgebäude in Brüssel, sondern bei US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus und bei den Kongress-Abgeordneten auf dem Capitol in Washington.
Hier Druck zu machen ist die wahre Agenda im Kräftemessen zwischen Brüssel, London und Washington. Glaubt "Mr. Doom" an schnelle Erfolge? Seine ernüchternde Antwort: "Wenn künftige Krisen seltener und nicht ganz so gefährlich sind, wäre dies schon ein toller Erfolg."

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