"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Und sie bewegt sich doch noch ...?"

Bischöfe gegen Zölibat, Kleriker contra Rom: Die Kirchenkrise spitzt sich zu.

Wien (OTS) - Schönen Feiertag! - aber Hand aufs Herz, wissen Sie, welchen Tag heute praktizierende Katholiken beim Kirchgang feiern? Die Mehrheit im katholischen Österreich genießt den heutigen Donnerstag einfach als freien Tag. Christi Himmelfahrt ist für sie ein willkommener Mai-Feiertag mehr, wie immer er auch heißen mag. Der profane Umgang mit höchsten kirchlichen Feiertagen ist im Augenblick aber die geringste Sorge, mit der sich die österreichische Kirchenführung herumzuschlagen hat. Der Missbrauchsskandal beschert der Kirche zwar nicht mehr täglich neue Negativschlagzeilen. Kardinal Christoph Schönborn hat ihr mit seinem öffentlichen Schuldbekenntnis und der Einrichtung einer Opfer-Kommission eine Atempause verschafft. Unter dem Kirchendach brodelt es aber weiterhin gewaltig. Die Zehntausenden Kirchenaustritte schlagen schmerzlich auf die Kirchenbudgets durch. Immer mehr unzufriedene Katholiken warten auf Reformen.
Die Streitfragen liegen seit Jahren auf dem Tisch. Jetzt hat sich mit dem Eisenstädter Paul Iby erstmals ein Bischof aus der Deckung gewagt: "Es wäre eine Erleichterung, wenn der Pflichtzölibat aufgehoben würde."
Auffällig ist nicht, was der burgenländische Oberhirte kurz vor der Verabschiedung in den Ruhestand sagt.
Für Aufregung innerhalb der Kirche sorgt: Mit Iby spricht erstmals auch ein Kirchenfürst aus, was die überwiegende Mehrheit der Katholiken denkt. Entschieden wird die neu entflammte Zölibatsdebatte freilich nicht per Mehrheitsbeschluss von Bischöfen oder Laien, sondern allein vom Papst in Rom.

Echten Sprengstoff enthält daher ein Forderungs-Papier, das dieser Tage von der österreichischen "Pfarrer-Initiative" an den Vatikan adressiert wurde. Hinter der - von prominenten Proponenten wie Ex-Caritas-Chef Helmut Schüller und dem Krenn-Widersacher Pater Udo Fischer getragenen- "Pfarrer-Initiative" stehen dreihundert der knapp viertausend österreichischen Kleriker.
Die Priestergruppe fordert nicht nur eine Untersuchung der Vorwürfe, der Papst hätte einst an der Vertuschung von Missbrauchsskandalen mitgewirkt: "Beauftragen Sie eine unabhängige Instanz mit der rückhaltlosen Klärung der Vorwürfe oder stellen Sie Ihr Amt zur Verfügung." Sie stellt die hierarchische Verfassung der Kirche generell infrage. Vor allem "die unkontrollierte Macht des Papstes ohne Einbindung in eine kollegiale Führungsstruktur"; "das Fehlen einer zeitgemäßen Gewaltenteilung" und "die geringe Transparenz von Entscheidungen".
Dieser Vorstoß von der Kirchenbasis zeigt: Die Krise ist nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Sie spitzt sich weiter zu.
Die Schlüsselfrage bleibt: Wie viel und wie lange braucht es noch, bis sich Rom Richtung Reform bewegt?
Wie viele Feiertage wie der heutige werden bis dahin noch ungenutzt ins Land ziehen?

Rückfragen & Kontakt:

KURIER, Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
innenpolitik@kurier.at
www.kurier.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001