- 12.05.2010, 16:05:11
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"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Und sie bewegt sich doch noch ...?"
Bischöfe gegen Zölibat, Kleriker contra Rom: Die Kirchenkrise spitzt sich zu.
Wien (OTS) - Schönen Feiertag! - aber Hand aufs Herz, wissen Sie,
welchen Tag heute praktizierende Katholiken beim Kirchgang feiern?
Die Mehrheit im katholischen Österreich genießt den heutigen
Donnerstag einfach als freien Tag. Christi Himmelfahrt ist für sie
ein willkommener Mai-Feiertag mehr, wie immer er auch heißen mag.
Der profane Umgang mit höchsten kirchlichen Feiertagen ist im
Augenblick aber die geringste Sorge, mit der sich die österreichische
Kirchenführung herumzuschlagen hat. Der Missbrauchsskandal beschert
der Kirche zwar nicht mehr täglich neue Negativschlagzeilen. Kardinal
Christoph Schönborn hat ihr mit seinem öffentlichen Schuldbekenntnis
und der Einrichtung einer Opfer-Kommission eine Atempause verschafft.
Unter dem Kirchendach brodelt es aber weiterhin gewaltig. Die
Zehntausenden Kirchenaustritte schlagen schmerzlich auf die
Kirchenbudgets durch. Immer mehr unzufriedene Katholiken warten auf
Reformen.
Die Streitfragen liegen seit Jahren auf dem Tisch. Jetzt hat sich
mit dem Eisenstädter Paul Iby erstmals ein Bischof aus der Deckung
gewagt: "Es wäre eine Erleichterung, wenn der Pflichtzölibat
aufgehoben würde."
Auffällig ist nicht, was der burgenländische Oberhirte kurz vor
der Verabschiedung in den Ruhestand sagt.
Für Aufregung innerhalb der Kirche sorgt: Mit Iby spricht erstmals
auch ein Kirchenfürst aus, was die überwiegende Mehrheit der
Katholiken denkt. Entschieden wird die neu entflammte Zölibatsdebatte
freilich nicht per Mehrheitsbeschluss von Bischöfen oder Laien,
sondern allein vom Papst in Rom.
Echten Sprengstoff enthält daher ein Forderungs-Papier, das dieser
Tage von der österreichischen "Pfarrer-Initiative" an den Vatikan
adressiert wurde. Hinter der - von prominenten Proponenten wie
Ex-Caritas-Chef Helmut Schüller und dem Krenn-Widersacher Pater Udo
Fischer getragenen- "Pfarrer-Initiative" stehen dreihundert der
knapp viertausend österreichischen Kleriker.
Die Priestergruppe fordert nicht nur eine Untersuchung der
Vorwürfe, der Papst hätte einst an der Vertuschung von
Missbrauchsskandalen mitgewirkt: "Beauftragen Sie eine unabhängige
Instanz mit der rückhaltlosen Klärung der Vorwürfe oder stellen Sie
Ihr Amt zur Verfügung." Sie stellt die hierarchische Verfassung der
Kirche generell infrage. Vor allem "die unkontrollierte Macht des
Papstes ohne Einbindung in eine kollegiale Führungsstruktur"; "das
Fehlen einer zeitgemäßen Gewaltenteilung" und "die geringe
Transparenz von Entscheidungen".
Dieser Vorstoß von der Kirchenbasis zeigt: Die Krise ist nicht
ausgestanden. Im Gegenteil: Sie spitzt sich weiter zu.
Die Schlüsselfrage bleibt: Wie viel und wie lange braucht es noch,
bis sich Rom Richtung Reform bewegt?
Wie viele Feiertage wie der heutige werden bis dahin noch
ungenutzt ins Land ziehen?
Rückfragehinweis:
KURIER, Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
mailto:[email protected]
www.kurier.at
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