- 05.05.2010, 17:29:06
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Bartoszewski: Verantwortungsbewusst mit Vergangenheit umgehen
Der polnische Politiker und katholische Literat hielt im Wiener Parlament die Ansprache bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus
Wien (OTS) - Der polnische Politiker und katholische Literat -
selbst Auschwitz-Überlebender - hielt im Wiener Parlament die
Ansprache bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und
Rassismus - Nuntius Zurbriggen und Metropolit Staikos unter den
Ehrengästen=
Wien, 05.05.10 (PEW) Für den "verantwortungsbewussten Umgang mit der
Vergangenheit", für die Rückbesinnung auf die Lehre der Erfahrung aus
dem schrecklichen Geschehen des nationalsozialistischen Mordregimes
und für ein "offenes Ohr für die Stimmen der Opfer" plädierte der
frühere polnische Außenminister und heutige Staatssekretär Wladyslaw
Bartoszewski am Mittwoch im Wiener Parlament bei der alljährlichen
Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus, die am Jahrestag der
Befreiung des KZ Mauthausen abgehalten wird. Solche Gedenktage seien
keine "Feste der Freiheit und der Freude", sagte Bartoszewski, der
selbst ein Überlebender von Auschwitz ist. Diese Anlässe seien
vielmehr dazu, "für einen Augenblick" den Ermordeten die Stimme zu
leihen. Bartoszewski zitierte das Bibelwort "Das Blut deines Bruders
schreit zu mir vom Ackerboden" aus der Geschichte von Kain und Abel.
Wörtlich sagte der polnische Politiker, Historiker und katholische
Literat: "Wenn einer dem unvorstellbaren Bild von Leichenhaufen und
Bergen menschlicher Asche gegenübersteht, dann empfindet er keine
Freude über die Befreiung. Er empfindet nur Trauer, denn er hat das
Werk der Bestie im Menschen gesehen, auch wenn die Bestie mit dem
Aufwand von Millionen Leben zerschlagen werden konnte. Er empfindet
Schmerz. Und er empfindet schließlich Angst, ob diese Bestie je
gänzlich aus der menschlichen Seele zu entwurzeln, zu verbannen und
auszurotten ist. Oder ob sie ungeahnt in dunklen Ideenwelten so
mancher braver Bürger überdauert". Mitunter werde gesagt, dass dafür,
was Menschen in den KZs angetan wurde, keine Worte adäquat sind und
das Ausmaß des Grauens sprachlich unbeschreiblich sei. Aber dort, wo
die Vernunft schweige, könnten Dämonen lautstark Massen in ihren Bann
ziehen. Seine Generation habe schon einmal ein Europa erlebt - viele
hätten es auch nicht überlebt - , in dem stillschweigend zugesehen
wurde, wie das Böse erwacht und schrittweise willige Mitläufer
gewinnt. Für denkende Menschen, "insbesondere für jene, die an Gott
glauben", führe kein Weg an der Tatsache vorbei, dass zu den
Schuldigen nicht nur die unmittelbaren Täter gehören, sondern auch
die Gleichgültigen: "Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen ist die
größte Sünde".
Unter Bezugnahme auf Feststellungen des einstigen Bundespräsidenten
Rudolf Kirchschläger erinnerte Bartoszewski an die großen Opfer
Österreichs während des NS-Regimes. Andererseits dürfe man nicht jene
Österreicher übersehen, die sich "massenhaft und freiwillig" an den
Maßnahmen des NS-Regimes beteiligt hatten. Als erfreulich bezeichnete
der polnische Staatssekretär, dass auch in Österreich inzwischen
Generationen herangewachsen sind, "die die Vergangenheit neu
entdecken". Für die jüngeren Generationen stehe es außer Zweifel,
dass der Vollzug der Gerechtigkeit u.a. darin bestehe, die Opfer
weiterhin zu ehren und die Vollstrecker der NS-Verbrechen nicht in
Vergessenheit geraten zu lassen. Dankbarkeit gebühre den
österreichischen Historikern und Publizisten, die ein
"tiefschürfendes, richtiges Bild" der Geschichte entworfen hätten.
Bartoszewski nannte in diesem Zusammenhang vor allem Simon
Wiesenthal, die Zeithistorikerin em. Prof. Erika Weinzierl und den
einstigen "Furche"-Chefredakteur Kurt Skalnik.
Das gegenwärtig in Europa auflebende Interesse an der Geschichte sei
einerseits erfrischend, bringe andererseits aber auch vielerorts alte
Konflikte ans Licht, betonte der polnische Politiker und Historiker.
In seinen Augen sei es aber vorteilhafter, sich mit historisch
bedingten Vorurteilen öffentlich auseinanderzusetzen statt sie
"unbeaufsichtigt brodeln zu lassen, bis sie zum Nährboden für
erneutes Unheil werden.
Mit den Spitzen der Republik nahmen auch kirchliche Vertreter, so der
Apostolische Nuntius, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen, und der
griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos an der Gedenkfeier
teil. (forts)
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