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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Im Auge des Zyklons: Die Ohnmacht Europas" (Von Stefan Winkler)
Ausgabe vom 03.05.2010
Graz (OTS) - Tropenstürme haben eine seltsame Eigenart: Während
sie mit mörderischer Gewalt über das Land rasen, herrscht in ihrer
Mitte absolute Windstille. Das "Auge" nennt man diese Ruhezone.
Europas Hauptstadt Brüssel erinnert dieser Tage an so ein Auge des
Zyklons. Mit unbarmherziger Wucht droht die Griechenlandkrise eine
Schneise der Verwüstung durch ganz Europa zu schlagen. Erst Hellas,
dann Portugal, jetzt Spanien. Längst geht es nicht um ein Land. Es
geht um den Euro und die Existenz des Projekts Europa. Beide stehen
auf dem Spiel.
Doch von den Verantwortlichen in Brüssel war bisher nur wenig zu
hören. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso war tagelang
abgetaucht. Mit einem dürren Kommuniqué zum mit Athen ausgehandelten
Sparpaket meldete er sich jetzt unter die Lebenden zurück.
Nun trägt die EU-Kommission gewiss nicht die alleinige Schuld am
griechischen Schlamassel. Im Gegenteil. Seit Jahren drängt die
Brüsseler Behörde auf mehr Durchgriffsrechte für ihre
Statistikbehörde Eurostat. Aber bei den Staaten stieß sie damit stets
auf taube Ohren.
Mehr noch: Dass die Griechen jahrelang mit geschönten Haushaltszahlen
das wahre Ausmaß der Katastrophe verschleiern konnten, hat vor allem
auch damit zu tun, dass man in Berlin, Paris, Rom und Madrid nur zu
gerne wegsah.
Es war der sprichwörtliche Tanz auf dem Vulkan. Alle wussten um die
unbändigen Naturgewalten, die da unter der Erdoberfläche brodelten -
und schwiegen. Schließlich durfte das Prestigeprojekt Währungsunion
nicht in Gefahr gebracht werden. Die Feigheit siegte über den
Sachverstand - und das rächt sich jetzt bitter.
Denn wenn jetzt, da der Super-GAU einzutreten droht, jemand in der
Lage wäre, die schwierige Abstimmung zwischen den Ländern in Europa
überparteilich zu koordinieren, dann sind das die EU-Institutionen.
Doch die waren in Ermangelung echter Befugnisse in den vergangenen
Tagen völlig abgemeldet. Als sich die Ereignisse zuletzt
überstürzten, fuhren die Chefs der Europäischen Zentralbank und des
Internationalen Währungsfonds, Jean-Claude Trichet und Dominique
Strauss-Kahn, nicht zu Barroso nach Brüssel, sondern zu Angela Merkel
nach Berlin.
Wer zahlt, schafft an.
Es ist ein Paradox. Mit dem Vertrag von Lissabon hat
Vergemeinschaftung in der EU einen neuen Zenit erreicht. Aber sobald
es hart auf hart geht, verlagert sich die Macht blitzartig zurück in
die Hauptstädte. Das mag man gut heißen, oder nicht. Aber es zeigt
gnadenlos die Grenzen auf, an die Europa heute stößt.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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