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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die griechische Lektion" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 01.05.2010

Graz (OTS) - Die Griechen zu verhöhnen ist ein billiger
Volkssport. Schlawiner sind's, die über ihre Verhältnisse gelebt
haben, Südländer eben. Die Pleite passt in unser Klischee von
Retsina, Sirtaki und Siesta. Hellas ist ein Urlaubsland, schön aber
unseriös.

Wer im Liegestuhl liegt, übersieht die Ähnlichkeiten mit der Heimat.
Die Griechische Tragödie hat ihr fernes Spiegelbild in unserer
kleinen Komödie.

Das Athener Schlamassel ist die Folge von jahrelanger
Realitätsverweigerung, populistischer Politik und Korruption unter
den Augen laxer Aufsichtsbehörden. All das ist uns nicht fremd. Auch
wir leben über unsere Verhältnisse und das lange schon. Österreich
hat 200 Milliarden Schulden, das sind fast 24.000 Euro pro Kopf. Das
Bild der von hier bis zum Mond gestapelten Euromünzen, das wir vor
einiger Zeit als Symbol für unsere Schulden publizierten, stimmt
nicht mehr. Wir sind schon weiter.

Alle Jahre wieder diskutiert das Land, was zu tun wäre. Die Abläufe
sind immer gleich. Einer ruft "Verwaltungsreform", der Nächste
rechnet vor, was da zu sparen wäre. Hohe Summen kommen ins Spiel und
verschwinden nach ein paar Wochen wieder unbemerkt. Kommissionen
treten ins Leben und hauchen es wieder aus. Es genügt das Wort eines
Landeshauptmanns und das Thema ist vom Tisch.

Es gibt nichts Schwierigeres als Sparen. Private Firmen schaffen das,
weil Eigentümer dafür sorgen. Wähler, das Kontrollorgan der
Demokratie, gelten als korrumpierbar. Sie nicht in Versuchung zu
führen setzt Reife, Verantwortungsgefühl und Weitsicht voraus.

Ein Großversuch der Massenkorruption war die Nacht vor der letzten
Nationalratswahl. Mit Kübeln haben die beiden Großparteien Geld
hinausgeworfen, das sie nicht hatten, in der Hoffnung, das würde
ihnen wenig später gedankt. Sie haben trotzdem verheerend
abgeschnitten. Die Großparteien sind keine mehr.

Konsequenzen hat die Koalition daraus keine gezogen, anders ist das
fortgesetzte Schönreden der Lage nicht erklärbar. Die wichtigste
Konsequenz aus dem Verlust des Nimbus staatstragender Parteien wäre
es, Wähler nicht mehr für blöd zu halten. Sie haben ein Recht darauf,
dass ihnen verständlich erklärt wird, wie die Regierung einen
ausgeglichenen Haushalt erreichen will, unabhängig von Wahlterminen.
Wer den Blick über die Legislaturperiode hinaus hebt, wird tiefes
Aufatmen auslösen. Warum traut sich keiner, das zu versuchen?

Gewiss, von hier bis Griechenland ist noch ein weiter Weg. Wie man
vermeiden will, ihn zu gehen, hätte man gerne gehört in den letzten
Tagen. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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