• 25.04.2010, 19:43:07
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"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Präsident der Vernunft und nicht der Herzen"

Fischer hat den Wahlsieg verdient. Nun muss er etwas daraus machen.

Wien (OTS) - Heinz Fischer ist keine historische Gestalt wie Karl
Renner, der als Staatskanzler der Ersten Republik diente, als erster
Bundespräsident der Zweiten. Er hat nicht Rudolf Kirchschlägers
riesige Popularität. Er ist aber kein Sturkopf wie Thomas Klestil,
der die Möglichkeiten des Amtes maßlos überschätzte.
Heinz Fischer ist ein Mann der leisen Töne, klug, asketisch,
pragmatisch, ein Präsident der Vernunft und nicht der Herzen. Sein
deutlicher Wahlsieg ist verdient. Von der ersten Amtszeit waren keine
großen Taten, aber auch keine nennenswerten Fehler zu vermelden.
In einer Zeit, in der fast alles zum Spektakel wird, ist der
unspektakuläre Fischer das richtige Gegenprogramm: wenigstens einer,
der klaren Kopf behält.
Der hohe Sieg tut auch der SPÖ gut. Sie musste in letzter Zeit
viele Enttäuschungen verdauen.
Die ÖVP hatte sich aus dem Rennen genommen, weil der amtierende
Bundespräsident automatisch Favorit für den zweiten Wahlgang ist.
Darauf ist die extrem niedrige Wahlbeteiligung zurückzuführen. Nun
sollte der Gesetzgeber die Amtsdauer und die Möglichkeit der
Wiederwahl hinterfragen.
Wenn es im Wahlkampf heiß und hektisch wurde, lag das an Barbara
Rosenkranz. Sie wollte sich als bürgerliche Alternative kostümieren,
wurde aber schnell als Radikale kenntlich. Im März meinte sie,
Zweifel an der Judenvernichtung fielen unter die freie
Meinungsäußerung. Damit hatte sie eine Grenze überschritten: Ein
bisschen Ausländerfeindlichkeit wird von (zu) vielen Österreichern
toleriert; über den Holocaust will niemand mehr streiten, von ein
paar Neonazis abgesehen. Weil Rosenkranz aus einem rechtsextremen
Milieu kommt, hat sie das nie verstanden.
Diese Niederlage ist nicht nur eine Schlappe für Rosenkranz, die
nicht einmal das Wählerreservoir der FPÖ ausschöpfen konnte. Sie ist
auch ein Flop für Strache, der alles falsch machte.
Zuerst kokettierte er mit seiner Kandidatur. Dann nominierte er
Rosenkranz, obwohl er nichts von ihr hält. Mit 35 Prozent legte er
ihr die Latte unerreichbar hoch. Im Wahlkampf ging er sichtbar auf
Distanz zu ihr - ein feiger Fluchtversuch aus der Mitverantwortung.
Einen dauerhaften Schaden wird die FPÖ nicht haben. Ihr
Hauptkampfgebiet ist heuer das Wiener Rathaus. Das ist nicht mehr
Fischers Fehde, sondern es wird die Entscheidungsschlacht für
Michael Häupl.
Der dritte Kandidat Gehring, selbst ernannter Hüter des
Christentums, bekam am Sonntag die Quittung für seine Schrullen.
Sein mageres Ergebnis beweist den Hausverstand der Wählerschaft.
Was macht Fischer aus dem großen Vertrauensbeweis? Er kann nicht
noch einmal gewählt werden. Das gibt ihm eine innere Unabhängigkeit,
die er für hohe Ziele nützen sollte. Er kann mit Kraft und Courage
eine Vision von Österreich 2016 entwickeln. Nicht Ersatzmonarch,
sondern Vordenker - das wäre die richtige Rolle für einen
Bundespräsidenten auf der Höhe der Zeit.

Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

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