"Kleine Zeitung" Kommentar: "Außenseiter Heinz F." (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 25.04.2010

Graz (OTS) - Eine Wahl, bei der der Sieger feststeht, noch ehe
sie geschlagen ist, weil die Asymmetrie der Kandidaten zum Himmel schreit, ist eine Unwahl. Das ist heute der Fall. Heinz Fischer wird von der Mehrheit einer mutmaßlichen Minderheit als Bundespräsident bestätigt werden.

Man wird den Ausgang bei nüchterner Betrachtung gutheißen, gleichgültig, ob man sich aus Freudlosigkeit über das defizitäre Angebot der Stimmabgabe entzieht, und gleichgültig, welchem politischen Lager man sonst zuneigt.

Von den Kandidaten ist der Amtsinhaber jener, der dem Land und seinem Ansehen am ehesten zumutbar ist. Diese Feststellung leitet sich aus keiner ideologischen Verortung ab, sondern einzig aus dem Anforderungsprofil des Amtes und dem Qualifikationsprofil der Bewerber. Es ist eine banale Schnittmengenrechnung.

Wer Fischer schätzt, wird lustvoll rechnen, wer Vorbehalte hat, widerstrebend. Das Ergebnis (zweier leerer Schnittmengen) bleibt stets dasselbe. Im einen Fall ist es das Geschichtsbild, das mit dem höchsten Amt inkompatibel ist, im anderen Fall das Frauenbild. Über beide Bilder will man eigentlich nicht mehr reden müssen. Das Land ist weiter. Das Ergebnis wird es widerspiegeln.

Es wird einen doppelten Boden haben und Fischer in eine wirre Gemütslage stürzen. Fischer wird klar gewinnen und vermutlich sogar in die Nähe von Kirchschlägers Wiederwahl-Rekordmarke von 80 Prozent gelangen, und dennoch wird er in der eigentlichen Konfrontation ebenso klar unterliegen. Entgegen anderslautenden Meldungen tritt Fischer nicht gegen Rosenkranz und Gehring an, sondern gegen die Großpartei der Nicht- und Ungültigwähler. Fischer ist Außenseiter. Erstmals in der Geschichte der Volkswahl des Präsidenten dürfte die Zahl der Verweigerer größer sein als die Zahl der Stimmen für den Sieger. Es verrät einiges über die derzeitige geistige Verfassung der ÖVP, dass sie diesem Sog durch die parteipolitisch motivierte Adelung der Verweigerungsfarbe Weiß auch noch Vorschub leistete.

Das Verhalten der Galerie-Partei ist blamabel und kurzsichtig. Man wird das zu befürchtende massive Fernbleiben der Wähler nicht primär als Fischer-Verdrossenheit lesen, sondern als neuerlichen Ausdruck tiefen Unbehagens über die Politik und ihre Handlungsunfähigkeit, über die Unkultur des Verschleppens und Verschleierns. Die Bürger empfinden Ohnmacht. Wie sie wählen, hat keinen Lenkungseffekt mehr. Das ist das Empfinden. Fischer muss dieser Agonie viel entschlossener entgegenwirken. Er ist der Aufsichtsratschef der Regierung, nicht deren Schutzpatron.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001