- 19.04.2010, 16:44:10
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Verzockt"
Ausgabe vom 20. April 2010
Wien (OTS) - Im Schatten der Aschewolke geht der Wahlkampf um das
Amt des Bundespräsidenten in die finale Phase. Spannend war er beim
besten Willen nicht, dennoch haben sich einige - so viel kann ohne
Gefahr schon vor dem Endergebnis festgestellt werden - kräftig
verzockt.
Am allermeisten wohl die FPÖ. Dank des ÖVP-Verzichts auf eine
eigenständige Kandidatur hatten die Freiheitlichen die Chance, sich
als Auffangbecken für heimatlose bürgerliche Wähler anzubieten. Und
so zusätzlichen politischen Rückenwind für die kommenden
Landtagswahlen, insbesondere für jene im Herbst in Wien, zu
generieren. Wenn sie denn einen dafür geeigneten Kandidaten
aufgestellte hätte.
Hat die FPÖ aber nicht. Stattdessen präsentierte sie mit Barbara
Rosenkranz eine auf diesem Parkett völlig überforderte
Nischenrepräsentantin des harten Kerns des nationalen Lagers. Junge
und Arbeiter, die beiden stärksten Wachstumsmärkte der Strache-FPÖ
bei den letzten Wahlen, wurden mit diesem Personalangebot
sprichwörtlich links liegen gelassen. Für seinen Wien-Wahlkampf muss
Strache nach diesem Sonntag stimmungsmäßig und
mobilisierungstechnisch wieder bei Null anfangen. Dafür dürfte der
nationale Flügel um Rosenkranz und Martin Graf auf absehbare Zeit
innerparteilich abgemeldet sein.
Das Nicht-Antreten der Volkspartei wurde medial breit und für Pröll &
Co wenig vorteilhaft diskutiert. Am Ende des Wahlkampfs wird jedoch
deutlich, dass es die Grünen sind, die - politisch gesprochen - den
höchsten Preis für ihren Kandidatur-Verzicht berappen müssen.
Neben Fischer, Rosenkranz und Gehring hätte ein auch nur halbwegs
attraktiver Kandidat ausreichend politischen Spielraum gehabt, für
grüne Kernthemen zu werben und der Partei wieder einmal dringend
benötigtes Profil zu verschaffen. Stattdessen muss die Ökopartei im
Burgenland um den Wiedereinzug in den Landtag zittern, in der
Steiermark über Nacht einen Nachfolger für den abhanden gekommenen
Spitzenkandidaten hervorzaubern und in Wien auf die Zugkraft von
Ex-Bundessprecher Alexander Van der Bellen setzen. Eine Partei im
Aufwind schaut anders aus.
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