"Kleine Zeitung" Kommentar: "Polens Einheit hat sich schon längst entwickelt" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 19. 4. 2010

Graz (OTS) - In Polen keimt in der Trauer um die Opfer des Flugzeugabsturzes von Smolensk Hoffnung auf. Wie immer, wenn das Land vom Schicksal geprüft wird, rückt sein Volk zusammen. Von neuer Einheit ist die Rede und vom Frühling im Verhältnis zu Russland.

Allein deshalb, weil das Unglück mit dem Namen Katyn verbunden ist. Katyn ist ein verfluchter Ort, er steht für ein Trauma Polens. 1940 stirbt dort die Elite in einem Massaker durch die Geheimpolizei Stalins. Nun stirbt Präsident Lech Kaczynski auf dem Weg zum Gedenken an die Toten. Die Polen sehen sich erneut als Opfer des Schicksals. Volksheld Lech Walesa spricht vom "zweiten Katyn". Und die russische Seite nimmt diese Formulierung dankend und in aller Eile auf. Dass des schrecklichen Ereignisses endlich angemessen gedacht wird, gilt in Polen als Wendepunkt im Umgang beider Länder miteinander.

Doch das ist es bei allem Verständnis für die Trauer nicht. Es wird eine Parallele gezogen zwischen einem staatlich organisierten Massenmord und einem tragischen Unfall. Russland nimmt diesen Vergleich deshalb dankend auf, weil er in das Geschichtsverständnis der Regierung passt.

Auch wenn die Anteilnahme von Premier Wladimir Putin die Polen bewegt, mit der Aufarbeitung wird sich Russland weiterhin schwer tun. Doch einen echten Neuanfang ohne Schuldbekenntnis wird es nicht geben können. Das hat allen voran Lech Kaczynski erkannt und wollte es in Katyn klar benennen. So sehr man seine Politik kritisieren mag, mit dieser Haltung hat er dazu beigetragen, dass sich Polen aus der Opferrolle befreit und selbstbewusst als Staat auftritt.

Ihn zum Märtyrer in die Geschichte eingehen zu lassen, wäre dennoch falsch. Als sein Bruder Jaroslaw von Donald Tusk als Premier abgelöst wurde, machte Lech unentwegt von seinem Vetorecht als Präsident Gebrauch und blockierte somit Reformen, die dem Land gut getan hätten. Auch die Integration Polens nach Europa hat er erbittert bekämpft. In der Bevölkerung gab es zuletzt kaum noch Rückhalt für ihn. Seine Karriere wäre im Herbst wohl zu Ende gegangen. Nur wenige hätten ihm eine Träne nachgeweint. Darauf sollten sich die Polen jetzt wieder besinnen.

Denn Polen, seit Jahrhunderten herumgestoßen und unter den Großmächten aufgeteilt, ist auch ohne Kaczynskis Zutun vereinter als je zuvor. Die Polen können stolz sein, was sie seit 1980 geschafft haben - dank ihrer Freiheitskämpfer. Dafür brauchen sie keine nachträgliche Überhöhung eines mittelmäßigen Präsidenten.****

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