• 17.04.2010, 19:16:51
  • /
  • OTS0053 OTW0053

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Farbe Weiß" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 18.04.2010

Graz (OTS) - Im großartigen, von Hans Rauscher herausgegebenen
"Österreich"-Buch findet sich ein Text Carl Zuckmayers. Der
emigrierte Schriftsteller erinnert sich darin an die Dreißigerjahre,
an das "Begräbnis alles menschlich Würdigen" und an die Furcht, als
er sich bei der Abstimmung im April 1938 Adolf Hitler verweigert.
"Ich stand allein in der Wahlzelle, kreuzte auf dem Zettel das Ja aus
und unterstrich das Nein. Der nackte Angstschweiß lief mir herunter
und mir war, als ob ich von einem unsichtbaren Auge beobachtet sei
und jeder mir draußen ansehen müsse, was ich getan hatte."

Die Unfreiheit des Stimmbürgers ist noch kein Menschenleben her. Das
Land hat gute Gründe, dem vor 65 Jahren wiedererrungenen Wahlrecht
mit Achtung zu begegnen. Das Recht, frei zu wählen, ist ein hohes
Gut. Man setzt es herab, wenn eine Partei wie die ÖVP für die
Hofburg-Wahl die ungültige Stimmabgabe aus einem schlichten,
antisozialistischen Affekt heraus als gleichwertige, respektable
Option propagiert. Das ist einer staatstragenden Partei unwürdig.

Es ist ein Unterschied, ob der Herr Müller für sich entscheidet,
ungültig an der Wahl teilzunehmen (weil das Angebot für ihn defizitär
ist/weil er das Amt grundsätzlich ablehnt/weil er grad null Bock auf
Politik hat usf.), oder ob der Herr Kopf als amtierender Klubobmann
öffentlich bekennt, vorsätzlich ungültig zu wählen. Die Beteuerung,
er habe das "rein persönlich" gemeint und nicht appellativ, ist
verlogen. Wozu hat er dann das Wahlgeheimnis aufgehoben, wenn er
damit öffentlich so gar nichts sagen und bewirken wollte?

Der Argumentationsstrudel der ÖVP führt noch tiefer, wenn die
ungültige Stimmabgabe mit dem unbefriedigenden Spektrum an Bewerbern
begründet wird. Die Partei beklagt einen Zustand, den sie durch die
Nicht-Kandidatur selbst verursacht hat. Im Übrigen hat Parteiobmann
Josef Pröll Heinz Fischers Amtsführung noch im Sommer als untadelig
gewürdigt. Wer soll diesen Mäanderkurs ohne Schwindelanfälle
nachvollziehen?

Weiß zu wählen, ist legitim, eine wünschenswerte demokratische
Äußerung ist es nicht. Das Wahlrecht wurde nicht erkämpft, damit die
Stimme ausgeschieden und im Mülleimer der Arithmetik entsorgt wird.

Nur in autoritären Systemen kann die ungültige Stimme eine
wirkungsvolle, heldenhafte Geste der Auflehnung sein, Notwehr des
Gewissens. Im demokratischen Wettstreit jedoch ist die
Selbstverweigerung niemals ein Ideal.

Physikalisch und ästhetisch mag die Farbe Weiß die vollkommenste von
allen sein, aber in der Wahlzelle entfaltet sie keinen Glanz. Dort
bleibt sie fahl und matt.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel