• 15.04.2010, 13:20:34
  • /
  • OTS0188 OTW0188

"Vorläufiges Missverständnis": Goldenes Verdienstzeichen für Robert Menasse

Wien (OTS) - Kritik und deren Widerlegung, dazu jede Menge tote
philosophische Hunde und am Boden liegende, widerständige Vögel:
Robert Menasse, der Donnerstag Vormittag im Rathaus das Goldene
Verdienstzeichen des Landes Wien durch Kulturstadtrat Andreas
Mailath-Pokorny überreicht bekam und Anerkennung als "vorläufiges
Missverständnis" definierte, machte für die Anwesenden in seiner
dialektisch angelegten Dankesrede klar, dass die Auszeichnung nicht
primär seinem literarischen Schaffen, sondern dessen anerkannten
intellektuellen Einmischung gilt. Auch die Germanistin und
Literaturkritikerin Daniela Strigl ("Ihr gehört längst schon das
Verdienstzeichen in Platin", Menasse) hob in ihrer werkgenauen
Laudatio Menasses Gespür für die längst tot geglaubte Hegelsche
Dialektik hervor, die durch ihn wieder in literarischen Rang gesetzt
wurde. Ebenso wie sie daran erinnerte, dass Menasse, neben seinem
literarischen Schaffen, das bereits sämtliche Romanformen
durchdekliniert habe, vor allem auch ein "Meister der Repräsentation"
sei. Als Schriftsteller und Essayist sei er nicht nur "der natürliche
Feind jeder Floskel", auch die Schlussfolgerungen seiner früheren
Essays seien bis heute "erstaunlich haltbar". Ähnliches merkte auch
Mailath-Pokorny an, der an die vielen von Menasse "ausgefochtenen
Sträuße mit der Sozialdemokratie" erinnerte. Für ihn sei Menasse ein
unbestechlicher Kritiker, wie auch ein scharfzüngiger
Intellektueller, der für Wien und das Land nicht wegzudenken sei.
"Menasse fordert nicht nur seine Leser, er fordert immer auch sich
selbst."

Und der Vogel? In Menasses Dankesrede kam die Fabel zwischen
einer Katze und einem am Boden liegenden Vogel vor, der seine beiden
Füße gegen den Himmel streckt. Auf die Frage, warum er dies mache,
antwortete der Vogel, dass der Himmel herabzustürzen drohe. Daraufhin
die Katze, ob er denn glaube, mit seinen dünnen Füßen den Himmel
aufhalten zu können. Der Vogel: "Irgendetwas muss man doch tun."
Menasse, der für sich das Bild übernahm: Zumindest ein Bein würde er
gegen den Himmel halten, das andere bräuchte er, um aufzustampfen,
sprich: auch zukünftig gehört zu werden.

Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Er
studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien,
Salzburg und Messina und promovierte 1980 bei Wendelin
Schmidt-Dengler mit einer Arbeit über den Typus des Außenseiters im
Literaturbetrieb am Beispiel Hermann Schürrers. Seine erste Erzählung
"Nägelbeißen" wurde 1973 in der Zeitschrift "Neue Wege"
veröffentlicht. 1981 bis 1988 lehrte Menasse als Lektor und
Gastdozent am Institut für Literaturtheorie in Sao Paulo
österreichische Literatur. Dort hielt er vor allem
Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab,
u. a. über Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno.

Seit seiner Rückkehr aus Brasilien lebt Robert Menasse als
freier Schriftsteller, Übersetzer und kulturkritischer Essayist in
Wien. Zu den wichtigsten literarischen Werken zählen die Romane
"Selige Zeiten, brüchige Welt" (1994) und "Schubumkehr" (1997) - die
beiden Texte bilden gemeinsam mit der Nachschrift "Phänomenologie der
Entgeisterung" die in Brasilien begonnene "Trilogie der
Entgeisterung". Von Menasses kulturpublizistischen Arbeiten sind die
österreichkritischen Essaysammlungen "Das Land ohne Eigenschaften"
(1993) und "Erklär mir Österreich" (2000) genannt. Zuletzt ist von
Menasse dessen erster Erzählband "Ich kann jeder sagen - Erzählungen
vom Ende der Nachkriegsordnung" (2009) erschienen. Aktuell arbeitet
er an einem Zukunftsroman, der sich mit der EU beschäftigt.

Für sein literarisches und essayistisches Schaffen erhielt
Menasse eine Reihe von Preisen und Auszeichnungen, u. a. den Heimito
von Doderer-Preis (1991), den Hugo-Ball-Preis (1996), den
Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik (1998) und den
Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2002). 2003 wurde
ihm der Erich Fried-Preis zugedacht. (Schluss) hch

Rückfragehinweis:

PID-Rathauskorrespondenz:
   www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
   Mag. Hans-Christian Heintschel 
   Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (MA 53)
   Telefon: 01 4000-81082
   Mobil: 0676 8118 81082
   E-Mail: [email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NRK

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel