- 31.03.2010, 21:31:17
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"Wenn die Opfer sprechen, spricht Gott zu uns"
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn beim Klage- und Bußgottesdienst im Wiener Stephansdom am 31. März 2010
Wien (OTS) -
Wien, 31.03.10 (PEW) "Wenn die Opfer sprechen, spricht Gott zu uns",
sagte Kardinal Christoph Schönborn in seiner Predigt beim Klage- und
Bußgottesdienst über den Missbrauchs-Skandal im Wiener Stephansdom.
Die Predigt des Kardinals bei dem Gottesdienst, an dem rund 3.000
Gläubige teilnahmen, hatte folgenden Wortlaut:
In dieser Stunde sind Predigtworte daneben. Sie können nicht nur
peinlich wirken, sondern auch verletzend. Schweigen wäre angebracht.
Nicht das Schweigen, das nur zu oft vorgekommen ist: das Schweigen
des Vertuschens, des Mundtot-machen, das Schweigen des
Nicht-Sprechen-Können. Es müsste das Schweigen der Freunde Hiobs
sein, die vor dem Leid ihres Freundes verstummen und nur schweigend
bei ihm saßen.
Danke, dass Sie das Schweigen gebrochen haben. Danke, dass Opfer
begonnen haben, sich zu sprechen zu trauen. Es braucht oft lange, aus
der Schweigespirale auszubrechen. Es ist vieles aufgebrochen. Es wird
weniger weggeschaut. Aber es bleibt noch viel zu tun.
Ich gestehe, in diesen Tagen habe ich oft ein Gefühl der
Ungerechtigkeit. Warum wird vor allem die Kirche an den Pranger
gestellt? Gibt es nicht auch anderswo Missbrauch? Wird dort nicht
auch nachgefragt? Aufgearbeitet? Und dann bin ich leicht versucht zu
sagen: Ja, die Medien mögen halt die Kirche nicht! Vielleicht gibt es
sogar eine Verschwörung gegen die Kirche?
Aber dann spüre ich in meinem Herzen, nein das ist es nicht. Selbst
wenn das so wäre, der Spiegel, der uns vorgehalten wird, er zeigt uns
etwas, das Missbrauch in der Kirche besonders schwer macht: Er
schändet den heiligen Namen Gottes. Er verstellt oft für ein ganzes
Leben den Zugang zu dem Gott, der mit uns ist und der uns befreit.
Missbrauch im sexuellen oder durch Gewalt oder durch beides, wenn sie
durch Geistliche, Priester, Ordensleute geschehen, können zur
"Gottesvergiftung" werden. Die Personen, die die Nähe und den Namen
Gottes nahe bringen sollen, werden zu Zerstörern der Gottesbeziehung.
Das ist es, was den Missbrauch in der Kirche noch einmal schlimmer
macht, und deshalb ist das Wort "heiligen Zornes", das Jesus gesagt
hat, so schrecklich ernst: "Wer diesen Kleinen ein Skandalon, ein
Ärgernis gibt, dem wäre es besser, man hinge ihm einen Mühlstein um
den Hals, um ihn ins Meer zu versenken".
Ärgernis den "Kleinen", den Abhängigen, den Wehrlosen, den Kindern
und Jugendlichen: das trifft Gottes Zorn und Weh.
Es geht in der Lesung aus dem Buch Exodus um die Gottesbegegnung. Es
ist nicht die Begegnung mit einer anonymen Macht, mit einer irgendwie
gearteten Energie, sondern mit einem Ich: "Ich bin der Gott Abrahams,
der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Ich bin der Gott deines Vaters."
Er ist der Gott, der Mose beim Namen ruft, der uns, der jeden beim
Namen ruft: Er kennt ihn. Er kennt mich. Er ruft ihn. Er ruft mich.
Er ist mein Gott und dein Gott.
Und er zeigt wie er ist. Er ist nicht der Gott, der wegschaut und
weghört: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und
ihre laute Klage habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid". Ein Gott, der
hinschaut und hinhört, und den das Leid nicht kalt lässt.
Wie schrecklich ist es, wenn der Zugang zu diesem Gott durch Menschen
der Kirche verstellt wird. Wenn der Name dieses lebendigen Gottes
vergiftet wird. Und dann Menschen erfahren müssen: ihr Leid wird
ignoriert, ihr Elend nicht gesehen, ihre laute Klage nicht gehört!
Mose hätte diesem Gott nicht begegnen können, wenn er seinerzeit in
Ägypten weggeschaut hätte, als einer seiner Volksgenossen, einer der
Hebräer von einem Sklaventreiber misshandelt wurde. Mose hat den
Preis dafür bezahlt, nicht weggeschaut zu haben.
"Und jetzt geh", Aufforderung Gottes an Mose, "führe mein Volk aus
dem Sklavenhaus! Führe sie in die Freiheit, in das Land, das von
Milch und Honig fließt". Mose kann diesen Dienst nur tun, wenn er
"das Leid kennt", wenn er es Gott nachmacht, der von sich sagt: "Ich
bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen". Vom
hohen Ross herunter kann Mose seinem Volk nicht die Befreiung Gottes
bringen.
Ist es nicht die Tragik dessen, was wir jetzt erleben, dass ein
Evangelium der Befreiung zu einer Missbotschaft des Missbrauchs
geworden ist. Dazu muss die Kirche umkehren, wir alle. Solange die
Kirche nicht hinschaut und hinhört, wird sie den befreienden,
rettenden Gott nur verstellen, die frohe Botschaft von der Befreiung
aus dem Sklavenhaus nicht nur nicht verkünden, sondern die Sklaverei
noch schlimmer machen.
Es ist eine schmerzliche Erfahrung für die Kirche. Aber was ist
dieser Schmerz im Vergleich zum Schmerz der Opfer, den wir übersehen
und überhört haben! Wenn jetzt die Opfer sprechen, dann spricht Gott
zu uns, zu seiner Kirche, um sie aufzurütteln, zu reinigen; dann
spricht durch die Opfer der Gott zu uns, der zu Mose gesagt hat: "Ich
habe sorgsam auf euch geachtet und habe gesehen, was man euch angetan
hat". (ende)
Rückfragehinweis:
Erzdiözese Wien, Öffentlichkeitsarbeit & Kommunikation Erich Leitenberger 1010 Wien, Stephansplatz 4/7/1 Tel: 01/51552-3591 E-Mail: [email protected] http://presse.stephanscom.at
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