"trend": UniCredit-Chef Alessandro Profumo lehnt Bilanzsteuer ab

Profumo warnt vor Belastungen für Banken, die Erlöse einer Steuer sollen in einen Rettungsfonds fließen. Ein Ausgliedern des Österreich-Geschäfts der Bank Austria ist nicht geplant.

Wien (OTS) - Im ersten Interview gegenüber einem österreichischen Medium seit Beginn der Finanzkrise hat sich der Chef der italienischen Großbank UniCredit, Alessandro Profumo, skeptisch zur Lage der Weltwirtschaft geäußert: "Technisch gesprochen ist die Rezession vorbei und die Wirtschaft wächst wieder. Aber die Konjunktur ist schwach und muss weiter unterstützt werden", sagt Profumo in der am Montag erscheinenden Ausgabe des Wirtschaftsmagazins "trend": "Was mir große Sorgen bereitet, ist die hohe Arbeitslosigkeit. Das Wachstum ist zu gering, um Jobs zu kreieren. Außerdem stehen wir vor dem Problem, wie die stimulierenden Maßnahmen der Regierungen und der Notenbanken zurückgefahren werden sollen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen." Die Konjunkturpakete hätten jedoch das Schlimmste verhindert: "Immerhin: Die Welt ist nicht untergegangen. Ich will nicht wissen, was ohne diese Interventionen passiert wäre." Klar sei jedoch, dass die Last umverteilt wurde: "Es hat einen Tausch von privaten Schulden zu öffentlichen Schulden gegeben."

An ein Auseinanderbrechen der Eurozone durch die Probleme Griechenlands glaubt der UniCredit-Chef nicht: "Im Gegenteil: Die positive Seite der Krise ist doch, dass wir erkennen, dass wir mehr Europa brauchen und nicht weniger. Die Probleme können nur gemeinsam und durch konzertiertes Vorgehen gelöst werden. Wir sehen, dass wir eine gemeinsame europäische Lösung brauchen, egal wie sie aussieht, weil einzelstaatliche Maßnahmen in einem globalisierten Finanzmarkt nicht funktionieren. Das ist sehr gut so. Alleine die Debatte per se ist gut."

Was die anstehende Regulierung der Bankbranche betrifft, fordert Profumo vor allem eine bessere Aufsicht: "Das Wichtigste im Bankgeschäft sind die Reputation und das Vertrauen der Kunden. Die haben durch die Krise massiv gelitten. Jetzt muss als erstes, durch eine bessere und glaubwürdige Aufsicht, die Reputation der Banken wiederhergestellt werden. Die Ideen zu einer gemeinsamen, europäischen Bankenaufsicht sind daher richtig." Alle Banken bräuchten weltweit die gleichen Rahmenbedingungen.

Profumo, der auch Präsident des Europäischen Bankenverbandes ist, warnt vor einer weiteren Erhöhung der Eigenkapitalerfordernisse: "Das ist ein Punkt, bei dem man wirklich sehr vorsichtig sein muss. Die Eigenkapitalquoten der Banken sind in den vergangenen Jahren bereits deutlich angestiegen. Ich glaube, wir brauchen nicht mehr Kapital, wir brauchen eine bessere Aufsicht. Nur weil ein Flugzeug in einen Berg fliegen kann, heißt das nicht, dass man das Fliegen verbietet, sondern dass die Luftraumüberwachung besser organisiert werden muss. Man kann etwa sagen, Du darfst nicht mehr auf 8000 Metern fliegen, sondern Du musst auf 12.000 Meter gehen. Dafür brauche ich aber, auf die Banken übertragen, nicht unbedingt mehr Kapital. Eines ist klar:
Wenn die Eigenkapitalerfordernisse stark steigen, dann schwächt das die Fähigkeit der Banken, Kredite zu vergeben. Und das ist wiederum schlecht für die Wirtschaft. Das muss man sich gut überlegen."

Dem Modell einer Bankensteuer auf die Bilanzsumme, wie sie in Österreich von Kanzler Faymann vorgeschlagen wurde, erteilt der UniCredit-Chef, der auch dem Aufsichtsrat der Bank Austria vorsitzt, eine klare Absage: "Am besten wäre es, wenn eine solche Abgabe in einen europäischen Rettungsfonds fließen würde, aus dem künftig Rettungsmaßnahmen für in Schieflage geratene Institute bezahlt werden. Voraussetzung dafür ist aber eine starke koordinierte Bankenaufsicht, denn es geht nicht, dass sich Länder mit schlechter Aufsicht dann auf diesen Rettungsfonds verlassen. Das Modell einer pauschalen Besteuerung der Bilanzsumme ist dagegen unsinnig und unfair." Er weist insbesondere darauf hin, dass die Bank Austria als einzige Großbank keine Staatshilfe in Anspruch genommen hat.

Ob eine derartige Abgabe die UniCredit dazu bewegen könnte, die Osteuropa-Zentrale aus Österreich abzuziehen, lässt Profumo offen:
"Ich glaube nicht, dass die österreichische Regierung etwas Unfaires beschließen wird."

Den Bank der Regionen Vertrag, der Wien bis 2016 als Zentrum für den CEE-Raum festschreibt, stellte Profumo außer Diskussion: "Das ist einfach nichts, worüber ich überhaupt nachdenke. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal genau, wann er ausläuft. Wir sind nicht hier in Wien wegen eines Vertrages oder einer Verpflichtung, sondern wegen der ausgezeichneten Mitarbeiter und den hervorragenden Strukturen. Glauben Sie mir, das ist ganz einfach kein Thema für uns."

Auch einer ab 2011 möglichen Ausgliederung des Österreich-Geschäfts erteilt der UniCredit-Chef eine Absage: "Das sehe ich nicht. Was uns interessiert, sind die Zahlen des Österreichgeschäfts. Da geht es uns um Transparenz. Aber dafür brauchen wir ja keine eigene Gesellschaft. Wir haben ohnehin schon zu viele Rechtspersönlichkeiten im Konzern. Wir wollen das eher reduzieren und nicht noch eine weitere hinzufügen. So eine Ausgliederung macht keinen Sinn."

An der derzeit laufenden Umstrukturierung des österreichischen Bankenmarktes will Profumo nur als Beobachter teilnehmen. Akquisitionen seien keine geplant. Auch in Osteuropa wolle man vor allem organisch wachsen. Schwerpunkt wäre dabei die Türkei.

Den Ruf österreichischer Banken sieht Profumo durch die Hypo-Affäre nicht belastet: "Das glaube ich nicht. Im Gegenteil: Österreich hat als Land ein ausgezeichnetes Image und davon profitiert auch die Reputation der Banken. Der Ruf des österreichischen Bankensystems ist da sogar eher besser, als der von anderen Staaten."

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