"Kleine Zeitung", Graz: "Das Bangen des Titelverteidigers" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 22.03.2010

Graz (OTS) - Seit Beginn der Kanzlerschaft Werner Faymanns
führen Wahlgänge für die SPÖ über eine lang gezogene Via Dolorosa. Nach Vorarlberg, Tirol und Niederösterreich erreichte der Leidensweg der Partei gestern die Steiermark. Das ist jener Landstrich, wo die Partei vor fünf Jahren fulminant Geschichte schrieb, die Hegemonie der ÖVP brach und erstmals seit Kriegsende auf dem Sessel des Landeshauptmanns Platz nahm.

Dort sitzt Franz Voves in zunehmend banger Gemütslage. Seine Wiederwahl im Herbst ist gefährdet. Die herben Verluste bei den gestrigen Gemeinderatswahlen sind zwar noch kein Menetekel, aber sie signalisieren der Landeshauptmann-Partei eine widrige Thermik, gegen die Franz Voves noch kein probates Mittel gefunden hat. Durchschaubare Fernseh-Auftritte als populistischer Sparefroh werden nicht genügen. Das Manöver kurz vor der Wahl hat nicht verfangen.

Vor allem die Einbrüche in den Industrieregionen der Obersteiermark müssen die SPÖ mit Besorgnis erfüllen. Mürzzuschlag, Kapfenberg, Bruck - das waren auf kommunaler Ebene uneinnehmbare Festungen, jetzt wanken dort die absoluten roten Mehrheiten. In einer tief verunsicherten Arbeiterschaft schwindet die Bindekraft der Sozialdemokraten als Schutzmacht. Dieses Milieu ist schon einmal -unter Jörg Haider - geschlossen nach rechts emigriert. Das hat sich jetzt so nicht wiederholt. Das ist bemerkenswert. Die FPÖ profitierte nur mäßig. Ihre Bäume wachsen nicht in den Himmel, es bleiben gewissermaßen nur die Eichen, der Appeal der Partei reduziert sich auf den monokulturellen nationalen Kern, für den die Hofburg-Kandidatin steht: eine Engführung, die schon bei den Wahlen in Niederösterreich und Vorarlberg zu Buche schlug. So hat die FPÖ auch in der Obersteiermark nur einen Teil des roten Flugsands aufgesogen, ein nicht unbeträchtlicher Teil trieb erstmals nach links, zu den Kommunisten. Sie ziehen in etliche Stadtparlamente ein.

Die steirische ÖVP entschied die Wahl, ausgeschildert als Testlauf, klar für sich. Bis auf 127 Stimmen war die SPÖ bei den Kommunalwahlen 2005 an die ÖVP herangekommen. Jetzt streckte die Volkspartei den Vorsprung wieder auf fast zehn Prozent. Das ist weniger machtpolitisch als psychologisch von Belang: Nach dem erweiterten Suizid vor fünf Jahren bedeutet der Wahlsieg Vitamin für die lange Zeit traumatisierte Partei, für Herausforderer Hermann Schützenhöfer und für seine "Operation Rückeroberung". Der steirische Herbst verspricht heiß zu werden. ****

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