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"Die Presse" Leitartikel: Olympiasieger im Handaufhalten, von Gerhard Hofer
Ausgabe vom 19.03.2010
Wien (OTS) - Korruption im Sport ist keine österreichische
Spezialität. Nur die Dreistigkeit mancher Funktionäre ist
beispiellos.
Es schockiert gar nicht so sehr die Tatsache, dass im
Österreichischen Olympischen Comité (ÖOC) Geld abgezweigt worden ist.
Korruption ist ein gesellschaftliches Phänomen, das vor keinem
Bereich haltmacht. Politik, Wirtschaft, Sport. Man findet sie
überall, wenn man sie finden will. Und die gute Nachricht ist: Nun
will man sie zumindest finden.
Das wirklich Schockierende an dieser Nachricht ist allerdings, wie
banal und simpel hohe Summen aus Steuer- und Sponsorgeldern auf einem
schwarzen Konto verschwinden können. Im ÖOC hat man einfach bei einem
befreundeten Reisebüro Flüge gebucht und bezahlt. Wenig später wurden
die Flüge storniert, das Retourgeld allerdings auf ein
Schwarzgeldkonto überwiesen. Schon war das Geld aus dem offiziellen
Finanzkreislauf verschwunden. Denn in der offiziellen ÖOC-Buchhaltung
wurde das Storno natürlich nicht verbucht.
Mindestens 1,2 Millionen Euro sind so auf die Seite geräumt worden.
Und dieses Geld diente einzig und allein der Selbstbedienung. Da
haben sich ÖOC-Mitarbeiter heimlich und steuerfrei Boni auszahlen
lassen. Da wurden sechsstellige Bargeldbeträge abgehoben, um sich das
Leben bei den Olympischen Spielen zu versüßen. Mit dem Schwarzgeld
wurden dann sogar tatsächlich Flüge gebucht. Flüge für Freunde,
Bekannte und Günstlinge.
Nein, das vermeintliche Schweigegeld für den unter Dopingverdacht
stehenden Ex-Langlauftrainer Walter Mayer dürfte nicht über das
Schwarzgeldkonto geflossen sein. Dafür gab es andere Kanäle. Das
Konto war tatsächlich nur zur Selbstbedienung bestimmt. Wäre
Handaufhalten olympisch, wäre einigen (ehemaligen) ÖOC-Mitgliedern
eine Goldmedaille sicher.
Natürlich ist Korruption im Sport keine österreichische Spezialität.
Wer Österreich sagt, muss im gleichen Atemzug Trinidad und Tobago,
Togo, Costa Rica oder Thailand sagen.
Und natürlich gibt es weltweit zahlreiche Beispiele für Korruption im
Sport: Der Fußballpräsident von Trinidad hat bei der WM in
Deutschland tausende Tickets unter der Hand verkauft. Er ist noch
immer Fifa-Vizepräsident.
Die Chefs des Bewerbungskomitees für die Winterspiele in Salt Lake
City 2002 haben Dutzende IOC-Funktionäre mit Bargeld,
US-Aufenthaltsgenehmigungen, Reisen und Immobilien bedacht. Sie
wurden von allen Vorwürfen freigesprochen - immerhin haben sie die
Olympischen Winterspiele an Land gezogen.
Wo es um viel Geld geht, wird auch viel korrumpiert. Und bei
Olympischen Spielen, Fußballweltmeisterschaften und
-europameisterschaften geht es um Summen wie bei Rüstungsgeschäften.
Die Geschichte der Korruption im Sport ist übrigens so alt wie der
Sport selbst. Die erste urkundliche Erwähnung eines Korruptionsfalls
bei Olympischen Spielen stammt aus dem Jahr 388 vor Christus. Damals
hat der Faustkämpfer Eupolos drei Gegner bestochen, um den
Lorbeerkranz zu ergattern.
Die Korruption im Sport war immer da, sie nimmt nicht zu und auch
nicht ab. Das bestätigen die wenigen Studien, die es auf diesem
Gebiet gibt. Die Korruption spielt sich allerdings speziell in
Österreich in einem sehr seltsamen Biotop ab. In einem Biotop aus
Verhaberung, Verpolitisierung und Verklärung.
Für die Verklärung sorgten auch die Medien. Kritischer
Sportjournalismus ist in diesem Land nur in Spurenelementen
vorhanden. Dieses verseuchte Klima führte nicht zuletzt dazu, dass am
Ende die Dreistigkeit mancher Funktionäre beispiellose Auswüchse
annahm. Denn es versagten nicht nur sämtliche internen
Kontrollmechanismen, sondern auch um die gesellschaftliche Kontrolle
war es schlecht bestellt. Ist es zum Teil noch immer schlecht
bestellt, wenn man sich die Rolle der beiden größten Medien dieses
Landes, der "Kronen Zeitung" und des ORF, vor Augen führt. Die
"Kronen Zeitung", die etwa als Hauptsponsor des Österreichischen
Skiverbandes und der vergangenen Handball-EM fungiert hat und damit
jeglichen objektiven Journalismus ad absurdum führt. Und der ORF, der
fast ausnahmslos eine Sportjubelberichterstattung praktiziert, in der
für kritische Fragen und Beiträge kein Platz ist.
Wie immer ist der Sport auch im jüngsten Fall ein Spiegel der
Gesellschaft. Zum Handkuss kommen die Sportler und die vielen tausend
meist ehrenamtlichen Funktionäre, die ihre Freizeit und Energie dem
Sport opfern. Sie werden verraten und verhöhnt von jenen, für die
Handaufhalten ein Teil des Spiels ist.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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Tel.: (01) 514 14-445
mailto:chefvomdienst@diepresse.com
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