Staatsbürgerschaftsprüfung: Ein Defizit an "Grundkenntnissen" beim BM.I.?

Wien (OTS) - Stellungnahme und zusammenfassende Kritik betreffend Staatsbürgerschaftsprüfung vom Österreichischen Verband für Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache (ÖDaF) zur Staatsbürgerschaftsprüfung und zur Lernunterlage des BM.I.:

Grundlage des Tests soll laut Staatsbürgerschaftsgesetz der Lehrplan der 4. Klasse Hauptschule für "Geschichte und Sozialkunde" sein. Diese Zielsetzungen werden in der Lernunterlage in keinem einzigen Kapitel eingelöst.

Das bloße Abprüfen von Daten, Faktenwissen und gesetzlichen Grundlagen macht ein Verstehen, eine Kontextualisierung und Interpretation durch nicht vorgebildete RezipientInnen völlig unmöglich. Im Teil zur Geschichte Österreichs sind die Auswahl historischer Ereignisse, die Verkürzungen und die Tendenz zu monokausalen Erklärungen wissenschaftlich und fachlich nicht vertretbar. Sie entsprechen nicht dem neueren Forschungsstand, sondern reproduzieren überholte Geschichtsauffassungen. Zentrale Erkenntnisse und Begriffe der österreichischen Zeitgeschichte werden völlig ausgeblendet, die Mitschuld Österreichs am Holocaust wird verschwiegen, implizit wird sogar die Opferthese vertreten. In der Auswahl der für eine Darstellung des politischen Systems als wichtig und elementar definierten Bereiche zeigt sich ein auf formale und juristische Aspekte reduziertes Politik- und Demokratieverständnis im Sinne eines völlig antiquierten Staatsbürgerkundeunterrichts. Zudem haben ExpertInnen aus den Bereichen Politikwissenschaft und Geschichte in der Lernunterlage zahlreiche inhaltliche Fehler festgestellt.

Das sprachliche Niveau der Lernunterlage übersteigt über das in der verpflichtenden Deutschprüfung vorausgesetzte Niveau A2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen.

Diese Staatsbürgerschaftsprüfung ist als Mittel zur Integrationsförderung und zur Bildung eines - im weitesten Sinn -politischen Bewusstseins prinzipiell untauglich, ja sogar kontraproduktiv. Das Auswendiglernen von willkürlich aneinandergereihten Daten kann von StaatsbürgerschaftswerberInnen nur als Schikane empfunden werden, dies auch vor dem Hintergrund, dass die VerfasserInnen des BM.I. vermeintliche "Grundkenntnisse" abverlangen, über die sie selbst offensichtlich nicht oder nur lückenhaft verfügen. Dass eine solchermaßen inkompetente Form von Landeskunde die Basis für die Zuerkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft, darstellt, muss in demokratiepolitischer Hinsicht als skandalös bezeichnet werden.

Es wird nicht genügen, einzelne Fehler der Lernunterlage zu korrigieren bzw. diese zu entfernen. Der ÖDaF fordert daher die Abschaffung dieser Staatsbürgerschaftsprüfung. Stattdessen könnte für StaatsbürgerschaftswerberInnen das Angebot einer modularen Schulung in politischer Bildung unter Anleitung und Mitarbeit von kompetenten ExpertInnen aus Lehre und Forschung eine sinnvolle Alternative darstellen.

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