• 27.01.2010, 20:08:08
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Ärzte sind nicht so frei, wie sie sowieso nicht sein wollen" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 28.01.2010

Graz (OTS) - Das Zusammentreffen war purer Zufall: Während
Gesundheitsminister Alois Stöger gestern seine Pläne für die
Einrichtung von ärztlichen Gruppenpraxen bekanntgab, wurde in
Ärztekreisen laut darüber nachgedacht, künftig von den Patienten Geld
für versäumte Termine zu kassieren. Als Abstandshonorar für die
vereitelte Behandlung gewissermaßen.

Doch wenn es auch Zufall war, so besteht zwischen beiden Themen doch
ein enger Zusammenhang. Denn die niedergelassenen Ärzte sollen
künftig die Drehscheibe der Gesundheitsversorgung sein,
wirtschaftlich sind sie auf diese Schlüsselrolle aber nur
unzureichend vorbereitet.

Der niedergelassene Kassenarzt ist nämlich eine eigentümliche
Kreuzung aus freiem Beruf, Gesundheitsdienstleister und
Krankenkassen-Angestelltem. Er selbst sieht sich natürlich als
Vertreter eines freien Berufsstandes in Reinkultur. Wäre es so, dann
hieße das, dass er sich auf dem Markt bewährt. Man fragt sich dann,
wieso ein Arzt strengen Werbebeschränkungen unterliegt (das kann man
nur zum Teil mit Patientenschutz rechtfertigen), wieso ein Arzt einen
anderen nicht anstellen darf (beim freien Beruf des Rechtsanwaltes
ist das erlaubt) oder warum es sich manche Ärzte gestatten, ihre
Kunden im Wartezimmer auf die Geduldsprobe zu stellen.

Gewiss, es gibt Notfälle, und auch in anderen Dienstleistungsbranchen
muss man als Kunde warten. Aber das Termin-Management mancher Ärzte
wäre sicher besser, wenn sie den Patienten als Kunden sähen.
Umgekehrt würden auch die Patienten ihre Arzttermine sorgsamer
achten, wenn für sie nicht alles "gratis" wäre. Eine Stornogebühr
könnte es in diesem System zwar geben, aber es gäbe auch eine
Kunden-Entschädigung, wenn der Arzt zu lange auf sich warten lässt.

In diesem System gäbe es freilich noch ein Problem: Es wäre
unfinanzierbar. Jeder, der seine Kassenabrechnung schon einmal
überflogen hat, wird nämlich erkennen, dass der Hausarzt nicht
Marktpreise, sondern Diskonttarife verrechnet. Zum Kassentarif
bekommt man auf dem Markt keinen Mechaniker, keinen Installateur,
keinen Anwalt.

Das momentane System bedeutet eine gewisse kalkulierbare Sicherheit
für den Arzt und eine verkraftbare Finanzbelastung für die
Versicherten. Mit dem freien Markt hat das System wenig zu tun. Die
Gesundheitsversorgung eignet sich dafür auch nur sehr beschränkt.
Jeder, der an den Stellschrauben dreht, muss sich dieser
Verantwortung bewusst sein - bis hinauf zum Gesundheitsminister.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/442

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