"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Ärzte sind nicht so frei, wie sie sowieso nicht sein wollen" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 28.01.2010

Graz (OTS) - Das Zusammentreffen war purer Zufall: Während Gesundheitsminister Alois Stöger gestern seine Pläne für die Einrichtung von ärztlichen Gruppenpraxen bekanntgab, wurde in Ärztekreisen laut darüber nachgedacht, künftig von den Patienten Geld für versäumte Termine zu kassieren. Als Abstandshonorar für die vereitelte Behandlung gewissermaßen.

Doch wenn es auch Zufall war, so besteht zwischen beiden Themen doch ein enger Zusammenhang. Denn die niedergelassenen Ärzte sollen künftig die Drehscheibe der Gesundheitsversorgung sein, wirtschaftlich sind sie auf diese Schlüsselrolle aber nur unzureichend vorbereitet.

Der niedergelassene Kassenarzt ist nämlich eine eigentümliche Kreuzung aus freiem Beruf, Gesundheitsdienstleister und Krankenkassen-Angestelltem. Er selbst sieht sich natürlich als Vertreter eines freien Berufsstandes in Reinkultur. Wäre es so, dann hieße das, dass er sich auf dem Markt bewährt. Man fragt sich dann, wieso ein Arzt strengen Werbebeschränkungen unterliegt (das kann man nur zum Teil mit Patientenschutz rechtfertigen), wieso ein Arzt einen anderen nicht anstellen darf (beim freien Beruf des Rechtsanwaltes ist das erlaubt) oder warum es sich manche Ärzte gestatten, ihre Kunden im Wartezimmer auf die Geduldsprobe zu stellen.

Gewiss, es gibt Notfälle, und auch in anderen Dienstleistungsbranchen muss man als Kunde warten. Aber das Termin-Management mancher Ärzte wäre sicher besser, wenn sie den Patienten als Kunden sähen. Umgekehrt würden auch die Patienten ihre Arzttermine sorgsamer achten, wenn für sie nicht alles "gratis" wäre. Eine Stornogebühr könnte es in diesem System zwar geben, aber es gäbe auch eine Kunden-Entschädigung, wenn der Arzt zu lange auf sich warten lässt.

In diesem System gäbe es freilich noch ein Problem: Es wäre unfinanzierbar. Jeder, der seine Kassenabrechnung schon einmal überflogen hat, wird nämlich erkennen, dass der Hausarzt nicht Marktpreise, sondern Diskonttarife verrechnet. Zum Kassentarif bekommt man auf dem Markt keinen Mechaniker, keinen Installateur, keinen Anwalt.

Das momentane System bedeutet eine gewisse kalkulierbare Sicherheit für den Arzt und eine verkraftbare Finanzbelastung für die Versicherten. Mit dem freien Markt hat das System wenig zu tun. Die Gesundheitsversorgung eignet sich dafür auch nur sehr beschränkt. Jeder, der an den Stellschrauben dreht, muss sich dieser Verantwortung bewusst sein - bis hinauf zum Gesundheitsminister.****

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