Offener Brief an Herrn Bundesminister D.I. Niki Berlakovich - Spanische Hofreitschule/Bundesgestüt Piber

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Bundesminister!

Mit großer Sorge müssen wir, die Unterzeichner, als der Spanischen Hofreitschule seit Jahren intensiv verbundene Fachleute und Freunde feststellen, daß in den letzten Monaten kritische Stimmen aus dem In-und Ausland zunehmen, die einen deutlichen Qualitätsverlust in der Spanischen Hofreitschule aufzeigen. Unsere Wahrnehmungen, aber auch die anderer Experten bestätigen diesen Eindruck.

Ausfälle durch Lahmheit bis hin zu Verletzungen bei den Hengsten, Ausdünnung der klassischen Vorführungen und Nachlassen der bisher unvergleichlichen Qualität hinsichtlich Exaktheit, Glanz und Eleganz der Darbietung, werden unter anderem auf die durchgeführten Sparmaßnahmen und auf die Verdoppelung der Vorführtage zurückgeführt. Dadurch werden die Hengste überlastet und die Zeit für notwendige Korrekturen bei einzelnen Programmpunkten beschnitten. Dazu kommt, daß die zwei dienstältesten, der insgesamt vier hochqualifizierten Oberbereiter außer Dienst gestellt wurden, wodurch die, für die Spanische Hofreitschule charakteristische, mündliche Weitergabe um das "Wissen der klassischen Direktiven" an die jüngeren Reiter, wie Eleven und Bereiteranwärter, maßgeblich eingeschränkt und gefährdet wird.

In der Spanischen Hofreitschule wird seit über 430 Jahren in ununterbrochener Reihenfolge und Tradition die Hohe Schule der Reitkunst lebendig von Reiter zu Reiter und von Pferdegeneration zu Pferdegeneration durch Perfektion in der Ausbildung unverändert weitergegeben. Ebenso wird im Bundesgestüt Piber die Nachkommenschaft aus den sechs Hengststämmen, mit ihren charakteristischen Merkmalen gezüchtet, wodurch sie die erforderlichen Eigenschaften für die Hochleistung in der Spanischen Hofreitschule mitbringen. Damit besitzt Österreich eine einzigartige kulturelle Institution, um die uns die ganze Welt beneidet, die aber auch dadurch im Blickpunkt der internationalen Fachwelt steht, da sie seit jeher auch Vorbildwirkung ausübte.

Die Spanische Hofreitschule und das Bundesgestüt Piber mit seiner Lipizzanerzucht müßten schon längst als Weltkulturerbe anerkannt sein und damit einen besonderen internationalen Schutz genießen.

Über die Jahrhunderte konnte unsere Spanische allen Übeln und Anfechtungen trotzen und es fanden sich immer wieder beherzte Menschen - wie zuletzt Hofrat Alois Podhajsky - die sogar unter Einsatz ihres Lebens, deren Weiterbestand gerettet haben. Anläßlich der Ausgliederung im Jahr 2001 hat der damalige Ressortchef, Herr Mag. Molterer, die "Gesellschaft der Freunde der Spanischen Hofreitschule" zu einer Aussprache eingeladen und die schon damals von namhaften Personen vorgebrachten Bedenken mit denselben Argumenten zerstreuen können, die er auch dem Bundesrat gegenüber vorgetragen hat. Schließlich sieht das Gesetz über die Ausgliederung ausdrücklich vor, das "die Bundesregierung [...] die dauerhafte Erhaltung der Spanischen Hofreitschule und des Bundesgestüt Piber zu gewährleisten hat".

Seit Übernahme des Erbes nach Ende der Monarchie durch die Republik Österreich konnte zwar die Hofreitschule durch Kartenverkäufe und Auslandstourneen ein positives Ergebnis erzielen, doch die Betriebskosten des Bundesgestüt konnten dadurch nie gedeckt werden.

Dem Bericht der Geschäftsführung zufolge konnte zwar der Abgang für das Jahr 2009 auf Euro 900.000,- gesenkt werden. Dem stehen aber die eingangs erwähnten, radikalen Maßnahmen gegenüber, die geeignet sind, die Substanz zu gefährden. Zuletzt mußte man mit Fassungslosigkeit hören, daß seitens der Geschäftsführung offen über einen Verkauf oder Schließung des Bundesgestüt Piber, als den eigentlichen Verlustbringer, nachgedacht wird.

Ein solcher Verkauf oder eine Schließung wäre nicht nur für das Land Steiermark eine Katastrophe, sondern würde auch das Ende der Hofreitschule nach sich ziehen, denn der Nachschub von Pferden, die dem Züchtungsideal der "Hohen Schule" entsprechen, wird dann versiegen oder unbezahlbar werden. Das Bundesgestüt Piber mit diesem historischen, zweckgebundenen Auftrag die notwendige Hengst- und Stutenlinien für die Hofreitschule zu erhalten, wird nicht kostendeckend zu führen sein.

- In einer, vom damaligen Landwirtschaftsministerium beauftragten Studie aus dem Jahre 1999, wird jedoch nachgewiesen, daß der Betriebsaufwand für das Bundesgestüt Piber um ein Vielfaches über die Umwegrentabilität wettgemacht wird. Ganz zu schweigen, was die österreichische Weltmarke "Spanische Hofreitschule" zum Bruttonationalprodukt beiträgt.

Sehr geehrter Herr Bundesminister, Sie wissen selbst nur zu gut, daß die Spanische Hofreitschule und das Bundesgestüt Piber eine kulturhistorisch eminente Bedeutung haben und nur deswegen einen wichtigen Faktor im Tourismusland Österreich darstellt. Vernachlässigt man den eigentlichen Kern des "historischen Auftrags" versinkt die Reitschule zur internationalen Bedeutungslosigkeit, womit in weiterer Folge auch das Touristeninteresse versiegen wird. Während der Bund, wie die Länder, ihre Verantwortung für andere, kostenintensivere Kulturinstitutionen zu Recht wahrnehmen, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß die Bedeutung der Hofreitschule seit der Ausgliederung übersehen wird.

Erlauben Sie nochmals, sehr geehrter Herr Bundesminister, den eindeutigen Gesetzesauftrag in Erinnerung zu rufen, wonach die Ausgliederung "zur dauerhaften Erhaltung und traditionsgemäßen Zucht der Pferderasse "Lipizzaner", zur Erhaltung der Tradition und der Hohen Schule der klassischen Reitkunst, zur traditionsgemäßen Nutzung der betreffenden Teile der Hofburg und des Bundesgestüt Piber und damit zur Wahrung des öffentlichen Interesses am dadurch repräsentierten österreichischen und internationalen Kulturgut", dient.

Der hierfür notwendige wirtschaftliche Aufwand steht in keinem Verhältnis zu dem Verlust, den ein Ende des österreichischen Kulturgutes "Spanische Hofreitschule" nach über 430 Jahren für Österreich und die ganze Welt darstellen würde.

Die Unterzeichnenden appellieren daher an Sie, sehr geehrter Herr Bundesminister, als Ressortverantwortlicher innerhalb der Bundesregierung, aber auch in Gesprächen mit den Ländern Steiermark und Wien dafür Sorge zu tragen, daß zur Erfüllung des gesetzlichen Auftrages ausreichende Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung,

Die Unterzeichner:

Univ. Doz. Dr. Jaromir Oulehla, ehm. Leiter der Spanischen Hofreitschule u. Bundesgestüt Piber von 1985-2000
Dr. Ludwig Massmann /D Rechtsanwalt, Herausgeber von EQUUS, Centered Riding Instruktor III
Dr. Leopold Erasimus, Geschäftsf. Österr. Pferdezuchtverband Bruno Halbeisen /CH, Präsident Equestres de Suisse
Gen.i.R.DVw. Lothar Brosch-Fohraheim, Reiterorden Prinz Eugen Bruno Rennhard /CH, Reitlehrer klassische Dressur
Oberst a. D. Peter Lichtner-Hoyer, Reiterikone Österreichs
Guy und Yannik Vandervliet /B, Züchter von Lusitanos und Präsident des Verbandes in Belgien
GR. Phillip Frh. v. Lütgendorf, Reiterorden Prinz Eugen
Helene Thiry /B, Mitbegründerin und langjährige GS des belg. Lipizzaner-Zuchtverbandes
Dr. jur. Hannelore Goldbach
Omed. Rat Dr. Hans Goldbach, Reiterorden Prinz Eugen
Elisabeth de Walsche /B, Ausbildnerin für klassische Reitkunst, Brüssel
KR Karl Andre, Bundesreferent Jagdreiten
Dr. Erich Kotzab /D, Tierarzt und Fachbuchautor f. Pferde
Alfons J. Dietz, Institut f. klassische Reitkunst
Pedro de Almeida /P, portugiesischer Reitmeister
Wolfgang Csar, FEI Richter
Peter u. Petra Fegg /D, Reitstallbesitzer, Bayern
Gyula Hiller, Richter Dressur, Springen, Military, Psychologe
Denis Soyer /B, Reitschulbesitzer, Brüssel
S.E. Dr. Karl Fischer, Botschafter a. D.
Isabelle de Billy-Savary, UNESCO Paris
S.E. DDr. Franz u. Renate Urlesberger
Comte u. Comtesse de la Forcade, Paris
Martha Weinberger
Sissi Pastureau, Paris
Dr. Josef Offenmüller
Tim u. Germaine York, Großbritannien
Claudia Schönauer
Mag. Christl Thonet
Hans Hermann Thonet
Edith Moos

Weitere Fachleute, Unterstützer und Freunde befinden sich auf einer Unterschriftenliste!

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Rückfragen & Kontakt:

Freundeskreis der Spanischen Hofreitschule
Dr. Josef Offenmüller
Mobil: 0043(0)664 131 97 83
office@offenmueller.at

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