Kleine Zeitung Leitartikel "Die Macht des Mitleids" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 24.01.2010

Graz (OTS) - Die Globalisierung hat einen miesen Ruf. Das ist ungerecht. Die Katastrophe auf Haiti hat gezeigt, dass Globalisierung etwas Segensreiches sein kann. Die Welt synchronisiert ihr Mitgefühl, sie rückt zusammen. Menschen, die gar nicht wussten, wo die Insel liegt und wer die Menschen sind, die auf ihr leben, haben millionenfach Anteil an ihrem Leid genommen und großherzig geholfen.

Die Berichts über das Erlittene haben die Weltbevölkerung aufgewühlt. Die Medien waren diesmal nicht Voyeur, sondern Mittler. Sie haben Nähe hergestellt. Die Folge war eine weltumspannende Woge tätigen Mitgefühls, ausgerichtet auf einen kleinen, fernen Punkt im karibischen Irgendwo, der Vorhof war und Hölle wurde. Die Menschen haben global gehandelt. Sie haben sich zuständig gefühlt. Der Mensch ist besser als sein Ruf. Am Glauben an das Gute in ihm darf weiter festgehalten werden. Das gilt auch für das satte, müde Europa. Der US-Autor Jeremy Rifkin stützt diese Ansicht. "Die empathische Zivilisation" lautet der Titel seines neuen Buches. Es weckt Hoffnung. Die Globalisierung der Information habe die Menschen weltoffener und empfindsamer gemacht. Sie weiten den Blick und lernen, die Perspektive anderer Kulturen einzunehmen. Sie werden emotionale Kosmopoliten.

Natürlich mag man einwenden, dass diese Zuwendung oberflächlich sei und affektgetrieben; dass das monströse ferne Leid einen berührt, aber nicht wirklich betrifft oder belastet, dass es sich um Fernstenliebe handelt, die nicht weh tut, schon gar nicht in die eigene Lebensführung hinein schneidet, ins eigene Wohlergehen.

Alls das trifft zu und dennoch bleibt jede Spende das, was sie ist:
konkrete Hilfe. Auch Hilfe aus Eigeninteresse ist hilfreicher als Nicht-Hilfe. Das gilt für Amerika und seine Vorhof-Interessen ebenso wie für Bono und sein Retter-Pathos. Wenn Eitelkeit auf diese Art kanalisiert wird, soll es den Hilfesuchenden auf Haiti recht sein.

Die Überlebenden sind noch nicht gerettet. Nach der Ersthilfe muss die Hilfe zur Selbsthilfe einsetzen. Die Welt muss Pate bleiben. Der Westen würde schuldig werden, entledigte er sich nur der Nahrungsüberschüsse. Man muss die Menschen dazu befähigen, selbst Reis anzubauen, anstatt sich von Amerika beliefern zu lassen. Letztlich wird man den Staat, der nur noch als Torso bestand, neu erschaffen müssen; man kommt nicht umhin, das Armenhaus neu zu kolonialisieren, frelich ohne den Ungeist der alten Fremdherrscher und der korrupten Despoten aus dem Eigenbau. Nur so kann aus der Verheerung Neues entstehen - das, was den Geschundenen noch nie gegönnt war: ein Leben in Würde. ****

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