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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Gerede ohne Hirn"
Ausgabe vom 15. Jänner 2010
Wien (OTS) - Sex im angelsächsischen Raum, Geld in Deutschland:
Die Rede ist von den häufigsten Rücktrittsgründen von Politikern. Und
in Österreich?
Hierzulande tritt prinzipiell kein Politiker zurück. In Österreich
wird zurückgetreten. Und das zunächst wortwörtlich: Wer von der
Konkurrenz und den Medien kritisiert wird, kontert mit heftigen
Gegenattacken. Und die eigenen Parteifreunde machen selbstredend die
Mauer. Weil, herausschießen lässt sich keine Partei einen der ihren.
Schon gar nicht von Außenstehenden und am allerwenigsten von anderen
Parteien, gar nicht zu reden von Zeitungsredaktionen.
Zurückgetreten wird ein Politiker in Österreich nämlich einzig und
allein von den eigenen Leuten. Und das nur dann, wenn er die Partei
bei Wahlen kräftig nach unten zieht. Solange sie jedoch die Chancen
beim Wahlvolk nicht gefährden, ist Politikern ein langes Leben
beschieden.
Der Grund für diese Unkultur liegt in der bemerkenswerten
Geringschätzung des gesprochenen Wortes. In Österreich können
Politiker fast alles sagen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.
Und weil das so ist, muss die rhetorische Eskalationsspirale immer
weitergedreht werden, um für die für massenmedial vermittelte Politik
unerlässliche Aufmerksamkeit zu sorgen.
Deshalb tritt Uwe Scheuch nicht zurück, weil er ja nur über die
Möglichkeit einer Parteispende im Gegenzug für die Staatsbürgerschaft
an einen investitionswilligen Ausländer geredet hat. Deswegen
schreckt ÖVP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger nicht vor der absurden
Behauptung zurück, FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache klaube auf
seinen Disco-Touren offenbar Jugendliche auf, um sie dann als Söldner
ausbilden zu lassen (weswegen er nun in erster Instanz wegen übler
Nachrede verurteilt wurde). Deshalb bezeichnet ein Tiroler
FPÖ-Landtagsabgeordneter einen schwulen Kollegen der Grünen als
"Landtagsschwuchtel"; der wiederum weiß nichts Besseres, als mit
"Bodensatz" zu kontern. Die Liste ließe sich unendlich verlängern.
Aber gut is g'angen, nix is g'schehn. Waren ja nur Worte, ohne Hirn
dahingesagt. In Österreich geht das als allgemein respektierte Form
von Politik durch. Aber all diese Probleme verblassen ohnehin vor dem
Elend in Haiti.
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