• 04.01.2010, 15:43:12
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Schönborn: "In Medjugorje geht es um den christlichen Alltag"

Wiener Erzbischof hielt sich zu privatem Besuch im hercegovinischen Pilgerort auf

Wien, 04.01.2010 (KAP) Für eine Integration des "Phänomens
Medjugorje" in die normale Pastoral hat Kardinal Christoph Schönborn
im Gespräch mit dem "Pressedienst der Erzdiözese Wien" plädiert. Der
Wiener Erzbischof hatte sich über die Jahreswende zu einem privaten
Besuch und einer Begegnung mit der Gemeinschaft "Cenacolo" in dem
hercegovinischen Marienort aufgehalten. Kardinal Schönborn wollte
den Ort sehen, von dem "viele positive Früchte" ausgegangen sind.

Es sei notwendig, das Phänomen Medjugorje zu "entdramatisieren",
betonte der Wiener Erzbischof. Zweifellos sei der Anfangsimpuls von
den "Seherinnen und Sehern" ausgegangen, die 1981 - als es zu den
ersten "Erscheinungen" kam - noch Kinder waren. Inzwischen spielten
diese außergewöhnlichen Vorgänge nur mehr eine untergeordnete Rolle.
Faszinierend habe er gefunden, dass Medjugorje etwas wie eine
"Schule des normalen christlichen Lebens" sei: "Es geht dort um den
Glauben an Christus, um das Gebet, um die Eucharistie, um gelebte
Nächstenliebe, um das Wesentliche im Christentum, um die Stärkung im
christlichen Alltagsleben."

Schönborn sprach sich dafür aus, das "Phänomen Medjugorje" im Licht
des Zweiten Vatikanischen Konzils zu studieren, der "sensus
fidelium", der Glaubenssinn der Getauften, spiele in den Vorgängen
um Medjugorje eine wichtige Rolle.

Er wolle zugleich der Entscheidung der Weltkirche aber nicht
vorgreifen, sondern sich lieber an den von der damaligen
Jugoslawischen Bischofskonferenz 1991 formulierten "Leitlinien" in
Sachen Medjugorje orientieren, so Kardinal Schönborn. Diese - von
der vatikanischen Glaubenskongregation zweimal bestätigten -
"Leitlinien" seien "weise und richtungweisend".

In den "Leitlinien" werde betont, dass nicht feststeht, ob die
Vorgänge in Medjugorje "übernatürlich" sind. Die Frage der
Übernatürlichkeit werde offen gelassen. Daraus ergebe sich, dass
keine offiziellen Wallfahrten nach Medjugorje erlaubt sind. Zugleich
werde in den "Leitlinien" aber auch die Notwendigkeit der
seelsorglichen Betreuung der Pilger unterstrichen.

Den Bischöfen sei es darum gegangen, einerseits die Früchte nicht zu
hindern und andererseits Irrwege abzuwehren. Ihn persönlich habe es
im übrigen sehr sympathisch berührt, dass die "Seherinnen" sich als
"normale und humorvolle junge Menschen" herausgestellt hätten, sagte
der Wiener Erzbischof.

Zur Frage, was die Pilger bewege, nach Medjugorje zu kommen, meinte
Schönborn: "Die Pilger tun vor allem eines, sie beten. Jeden Tag
wird von tausenden Menschen der ganze Psalter gebetet, es gibt
eucharistische Anbetung, die Leute steigen auf den Kreuzberg mit dem
1933 errichteten Kreuz und beten den Kreuzweg oder auf den Berg
Crnica im Ortsteil Bijakovici und beten den Rosenkranz."

"Früchte von Medjugorje"

Den "Früchten" von Medjugorje könne man im Leben der Kirche immer
wieder begegnen, betonte der Wiener Erzbischof. Ein wesentlicher
Aspekt seien die Gebetsgruppen: "Der erste Gebetskreis in Wien hat
sich Mitte der 80er-Jahre in der Dominikanerkirche gebildet. Die
Kirche war immer voll, auch in den Sommermonaten. Beeindruckend war
die große Zahl junger Leute." Auch unter den jüngeren Priestern gebe
es viele, deren Berufungsweg durch die Erfahrung von Medjugorje
beeinflusst wurde.

In Medjugorje komme es aber nicht nur zu Berufungen, sondern auch zu
Bekehrungen. Bei seinem Besuch lernte Kardinal Schönborn einen
italienischen TV-Moderator kennen, der in dem hercegovinischen
Pilgerort eine tiefe Bekehrung erlebt hat. Medjugorje sei zudem ein
"Ort der Wiederentdeckung der Beichte".

Beeindruckend sei auch der weltkirchliche Aspekt: Während seines
kurzen Aufenthalts registrierte der Kardinal u.a. Pilgergruppen aus
Italien, Deutschland, den USA, dem Libanon und Korea; und das
alljährlich im Juli stattfindende Jugendfestival ziehe 60.000 junge
Leute aus aller Welt an.

Besonders hob der Wiener Erzbischof die große Zahl sozialer Werke
hervor, die in Medjugorje entstanden sind: Die von Sr. Elvira
Petrozzi begründete Gemeinschaft "Cenacolo" für drogenabhängige
Jugendliche erhielt in Medjugorje den Impuls zur weltweiten
Ausbreitung, das "Mütterdorf" ("Majcino selo") bietet seit den
Balkankriegen Waisenkindern und vergewaltigten Frauen Zuflucht, aus
der Begegnung einer Pilgerin aus dem afrikanischen Malawi mit einer
schottischen Pilgergruppe unter Leitung von Magnus MacFarlane-Barrow
entstand die Initiative "Mary's Meals", die hungernden Kindern in
aller Welt tägliche Mahlzeiten sichert.

Daher müsse man die Frage stellen, wie der Baum aussieht, der solche
Früchte trägt, so Kardinal Schönborn. Auf Medjugorje träfen viele
Aspekte zu, die der "Grammatik der Marienerscheinungen" entsprechen:
Es handle sich um eine arme Gegend, deren Bewohner aber sehr
religiös sind. Die Visionen seien - wie in Lourdes oder Fatima -
Kindern zuteil geworden und es handle sich um ganz einfache
Botschaften, die aber den Kern des Evangeliums betreffen.

Bemerkenswert sei auch, dass Maria in Medjugorje von Anfang an vor
allem als "Königin des Friedens" verehrt wurde - zehn Jahre vor dem
Ausbruch der Balkan-Kriege. In Medjugorje werde klar, dass die
Versöhnung mit Gott die Vorbedingung für die Versöhnung unter den
Menschen ist, sagte Kardinal Schönborn.

In den Botschaften seien wenige moralische Appelle enthalten, es
gehe vielmehr um die Bekehrung der Herzen, weil sich dann viele
Dinge mit "innerer Evidenz" ordnen. Schönborn: "Vielleicht sollten
wir uns in der Kirche mehr von diesem Pastoralkonzept Mariens
inspirieren lassen."

Am Montagabend strahlt "Radio Stephansdom" in der Sendereihe "Kirche
aktuell" (18.30 Uhr) ein Interview mit Kardinal Schönborn über seine
Eindrücke aus Medjugorje aus.

(ende)
nnnn

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/510

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