• 01.01.2010, 14:06:59
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Silvester: Bischöfe ziehen kritische Bilanz ... (2)

Kothgasser: Verantwortung für Schöpfung übernehmen

Der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser verwies in seiner
Jahresschlussandacht auf die zahlreichen Konfliktpunkte und
Herausforderungen, die das vergangene Jahr 2009 mit sich gebracht
habe. Zum einen habe etwa der jüngste Weltklimagipfel in Kopenhagen
erneut die von jedem Einzelnen zu übernehmende
Schöpfungsverantwortung vor Augen geführt. Auch im Kampf gegen den
Hunger sei bislang zu wenig geschehen, und politisch sei der Nahe
Osten und speziell das Heilige Land weiterhin ein Pulverfass, so
Erzbischof Kothgasser.

Sorgenvoll blickt Kothgasser außerdem auf das jüngste "Kreuz-Urteil"
des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs: Die individuelle
Religionsfreiheit einzelner Personen höhle das Recht auf kollektive
öffentliche Religionsausübung aus - "was bisher nur in
religionsfeindlichen, totalitären politischen System vorgekommen
ist".

Den interreligiösen Dialog mit dem Islam sieht Kothgasser trotz des
Schweizer Minarett-Votums auf einem guten Weg: "Die Bemühungen um
gegenseitiges Verstehen, um ein respektvolles Miteinander mit dem
Islam haben zugenommen", so Kothgasser. Dennoch gebe es weiterhin
Ängste und Spannungen, die nicht zu unterschätzen seien, auch sei
die Frage der Ausübung der Religionsfreiheit "weiterhin eine
Herausforderung nicht nur in europäischen, sondern auch in
arabischen Ländern".

Ein "ökumenisches Tauwetter" sieht der Salzburger Erzbischof im
Dialog mit der Orthodoxie. Während die Beziehungen zu den
evangelischen Christen "in letzter Zeit eher schwieriger und
mühsamer" geworden seien, stimmen ihn insbesondere die Signale des
neuen russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill positiv. Kothgasser:
"Der Weg der Ökumene scheint doch ein weiter zu sein, trotz aller
vielfachen, ehrlichen Bemühungen".

Schwarz: "heikle gesellschaftliche Fragen"

Einen Rückblick auf die zahlreichen kirchlichen Projekte im
ausgeklungenen Linzer Kulturhauptstadtjahr 2009 unternahm der Linzer
Diözesanbischof Ludwig Schwarz. Insbesondere hob er die
"Turmeremitage" im Linzer Dom als "wertvolles Projekt" hervor, das
"weit über die Grenzen des Landes" beachtet worden sei.

Zugleich wies Bischof Schwarz jedoch auch auf die heiklen
gesellschaftlichen und sozialen Fragen hin, die das vergangene Jahr
aufgeworfen habe: "Die Wirtschafts- und Finanzkrise fiel nicht vom
Himmel. Sie wurde durch menschliche Schuld verursacht. Die
Klimakrise ist eine gefährliche. Leider wurde in Kopenhagen keine
positive Lösung gefunden. Die armen Länder der Welt sind von diesen
Krisen am stärksten betroffen. Als Folge der Krisen geben auch die
reichen Länder den Notleidenden weniger".

Scheuer: "Stärkung des Wir"

Der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer sieht in der
Entfaltung eines neuen "gemeinsamen Wir" und in der Stärkung der
"Innerlichkeit des Glaubens" die zentralen Aufgaben im neuen Jahr.
Ein "starkes Wir" sei angesichts "vieler Tendenzen zur
Individualisierung und Vereinsamung, aber auch angesichts von
Egoismus und Gier" notwendig, bekräftigte Scheuer. Es gelte, dem
Gefühl einer "resignativen Ohnmacht" zu widerstehen und "ein dichtes
Beziehungsnetz zwischen Einzelpersonen, Initiativgruppen,
Nachbarschaften und vielen weiteren lokalen Akteuren" zu knüpfen.

Zugleich plädierte Bischof Scheuer für ein neues Miteinander von
"Mystik und Politik". Die "Innerlichkeit des Glaubens" könne nur in
einem Zusammenspiel von Frömmigkeit, Spiritualität und
weltveränderndem Handeln bestehen, mahnte der Innsbrucker Bischof.

Zur jüngsten Diskussion nach dem "Nein" der Schweiz zum Minarettbau
merkte der Bischof an, dass dieses Nein die Probleme "unübersehbar"
mache, "die sich aus dem Zusammenleben der Religionen und Kulturen
auch für uns in Tirol ergeben". Die Ängste, so der Bischof, seien
ernst zu nehmen. Es gelte, sie "durch mehr Begegnung von
Einheimischen und muslimischen Zuwanderern" abzubauen. Ausdrücklich
bedauerte Scheuer dabei, dass es "gar nicht so wenige Menschen"
gebe, die diese Ängste "für ihre Interessen verzwecken und weiter
schüren".

Klar zu unterscheiden sei laut Scheuer zwischen dem "Islam als
Glaubensgemeinschaft" und einem "islamistischen Fundamentalismus",
der versuche, seine Ziele "unter der Verletzung der Freiheit
anderer" und "möglicherweise sogar mit Gewalt" durchzusetzen.

Schwarz: "Veränderung beginnt bei jedem einzelnen"

Der Kärntner Diözesanbischof Alois Schwarz ging in seiner
Jahresabschlussandacht explizit auf den jüngsten Finanzskandal um
die Kärntner Hypo-Alpe-Adria-Bank ein. Es gebe "eine besondere
Verantwortung derer, die Leitungsverantwortung tragen und dadurch
Steuerungsmöglichkeiten haben", so Schwarz. Zugleich liege es jedoch
auch an jedem Einzelnen, "Gier und Begehrlichkeit" zu reflektieren.
Veränderung müsse "bei jedem einzelnen beginnen".

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise fordere ein neues
Nachdenken über ethische Maßstäbe. "Wir leben in Zeiten der
finanziellen Unsicherheit und Unübersichtlichkeit. Wir können uns
die Summen der erahnbaren finanziellen Verluste, die viele Menschen
ins Elend und den existenziellen Abgrund treiben, gar nicht
vorstellen", so Bischof Schwarz. Notwendig sei dagegen eine
"Reichweitenentgrenzung ethischen Denkens", so Bischof Schwarz unter
Verweis auf den Philosophen Hans Jonas. Insbesondere brauche es eine
"Globalisierung der Solidarität", die mit dem Zwischenmenschlichen
beginne und weit darüber hinausgehe, "weil es uns alle angeht".

Zu einer neuen Solidarisierung "von unten" und zu einer Veränderung
des Lebensstils gebe es laut Bischof Schwarz "keine Alternative". In
diesem Kontext werde zukünftig auch den Pfarren als "soziale
Netzwerke" eine zunehmend größere Bedeutung zukommen.

(forts. mgl.)
nnnn

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/510

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