"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Hohe Fest und unsere zu hohen Erwartungen" (Von Wolfgang Sotill)

Ausgabe vom 24.12.2009

Graz (OTS) - Heiliger Abend - feierliche Hoch-Zeit der
Emotionen. Heute sollen sich die Erwartungen der letzten Wochen erfüllen, in denen wir uns mit schwerem Duftöl eingelullt haben. In denen wir uns mit Punsch und mit Weihnachtsliedern in Stimmung versetzt haben.

So wie in Adventkalendern das Kästchen am 24. Dezember doppelt so groß ist wie an den Tagen zuvor, so wünschen wir uns für heute die Übersteigerung all der in vier Adventwochen aufgebauten Hoffnungen.

Aber Vorsicht: Nicht selten ist zu viel Erwartung im Spiel. Irgendjemand stimmt das "Stille Nacht" um einen Halbton zu hoch an, die Kinder sind nicht so diszipliniert, wie man es sich wünscht, und auch der Karpfen hat schon besser geschmeckt. Ein Wort ergibt ein Gegenwort, unaufgearbeitete Konflikte kommen hoch und irgendwann wirft jemand den Satz hin: "Ich bin froh, wenn alles wieder vorbei ist." Damit ist das Ende aller Feierlichkeiten besiegelt.

Zu viel Emotion, wie gesagt. Dagegen gibt es ein Mittel: die Nüchternheit des Weihnachtsevangeliums. Die Sprache der Evangelisten ist sachlich, beinahe kühl. Triumphalismus und Superlative sind ihnen ebenso fremd wie Frömmelei. Zudem verzichten sie genau auf das, was ihnen Kritiker immer wieder vorwerfen: Nämlich die Weihnachtsgeschichte, aber auch andere biblische Berichte zurechtgebogen zu haben. Wäre das wirklich so gewesen, hätten die Verfasser dann nicht eine triumphale Geburt in Jerusalem inszeniert statt einer armseligen in Bethlehem?

Den Evangelisten geht es nur um die Botschaft. Und die lautet ganz einfach und doch so unglaublich: Gott ist Mensch geworden. Das ist nicht weniger als der Mittelpunkt dessen, was wir am heutigen Abend begehen. Deshalb kann das Christentum auch nicht auf ein System von Moralkodizes re-duziert werden, ohne es im Kern zu verändern und zu beschädigen.

Freilich löst die Lektüre des Weihnachtsevangeliums nicht alle Fragen des Heiligen Abends, denn wie sagen viele Zweifler: "Ich wüsste nicht, wo ich Gott hernehmen sollte."

Keine Frage. Der Glaube ist ein Geschenk, aber sicher keines, das einem einfach so zufällt, wie ein Apfel im Herbst. Glaube ist auch Arbeit und auch Wagnis, die Nähe Gottes zuzulassen und seine Ferne zu ertragen.

Aber wer immer den heutigen Abend von sentimentalen Erwartungen entkleidet und sich auf den Inhalt des Festes konzentriert, der kann die eine oder andere Ungereimtheit gelassen übergehen - auch den falschen Halbton.****

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