- 23.12.2009, 19:39:13
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Hohe Fest und unsere zu hohen Erwartungen" (Von Wolfgang Sotill)
Ausgabe vom 24.12.2009
Graz (OTS) - Heiliger Abend - feierliche Hoch-Zeit der
Emotionen. Heute sollen sich die Erwartungen der letzten Wochen
erfüllen, in denen wir uns mit schwerem Duftöl eingelullt haben. In
denen wir uns mit Punsch und mit Weihnachtsliedern in Stimmung
versetzt haben.
So wie in Adventkalendern das Kästchen am 24. Dezember doppelt so
groß ist wie an den Tagen zuvor, so wünschen wir uns für heute die
Übersteigerung all der in vier Adventwochen aufgebauten Hoffnungen.
Aber Vorsicht: Nicht selten ist zu viel Erwartung im Spiel.
Irgendjemand stimmt das "Stille Nacht" um einen Halbton zu hoch an,
die Kinder sind nicht so diszipliniert, wie man es sich wünscht, und
auch der Karpfen hat schon besser geschmeckt. Ein Wort ergibt ein
Gegenwort, unaufgearbeitete Konflikte kommen hoch und irgendwann
wirft jemand den Satz hin: "Ich bin froh, wenn alles wieder vorbei
ist." Damit ist das Ende aller Feierlichkeiten besiegelt.
Zu viel Emotion, wie gesagt. Dagegen gibt es ein Mittel: die
Nüchternheit des Weihnachtsevangeliums. Die Sprache der Evangelisten
ist sachlich, beinahe kühl. Triumphalismus und Superlative sind ihnen
ebenso fremd wie Frömmelei. Zudem verzichten sie genau auf das, was
ihnen Kritiker immer wieder vorwerfen: Nämlich die
Weihnachtsgeschichte, aber auch andere biblische Berichte
zurechtgebogen zu haben. Wäre das wirklich so gewesen, hätten die
Verfasser dann nicht eine triumphale Geburt in Jerusalem inszeniert
statt einer armseligen in Bethlehem?
Den Evangelisten geht es nur um die Botschaft. Und die lautet ganz
einfach und doch so unglaublich: Gott ist Mensch geworden. Das ist
nicht weniger als der Mittelpunkt dessen, was wir am heutigen Abend
begehen. Deshalb kann das Christentum auch nicht auf ein System von
Moralkodizes re-duziert werden, ohne es im Kern zu verändern und zu
beschädigen.
Freilich löst die Lektüre des Weihnachtsevangeliums nicht alle Fragen
des Heiligen Abends, denn wie sagen viele Zweifler: "Ich wüsste
nicht, wo ich Gott hernehmen sollte."
Keine Frage. Der Glaube ist ein Geschenk, aber sicher keines, das
einem einfach so zufällt, wie ein Apfel im Herbst. Glaube ist auch
Arbeit und auch Wagnis, die Nähe Gottes zuzulassen und seine Ferne zu
ertragen.
Aber wer immer den heutigen Abend von sentimentalen Erwartungen
entkleidet und sich auf den Inhalt des Festes konzentriert, der kann
die eine oder andere Ungereimtheit gelassen übergehen - auch den
falschen Halbton.****
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