• 09.12.2009, 08:32:15
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WirtschaftsBlatt Leitartikel: Die Zinswende wird zum Bewährungstest - von Jochen Hahn

Großteil der Hausse ging auf das Konto offener Liquiditäts-schleusen

Wien (OTS) - Eigentlich wäre ja Saison für eine Jahresendrallye.
Und welches Jahr wäre dafür besser geeignet als das heurige? Immerhin
halten große Indizes wie der S&P 500 seit den März-Tiefs schon bei
einem Plus von deutlich über 60 Prozent. Da wäre es ideal, den
Schwung noch bis Silvester mitzunehmen, um nocheinmal ein paar
"Prozenterl" in die Depots zu zaubern.

Aber wie heißt es so schön: Erstens kommt es anders und zweitens als
man denkt. Als Spielverderber entpuppen sich die in der Vergangenheit
allzu generösen Notenbanken. Fast so, als wollten Ben Bernanke und
Jean-Claude Trichet die Börsen noch im alten Jahr auf einen Kater
nach der Party im nächsten vorbereiten, signalisiert die Wortwahl der
Notenbanker eine Zinswende spätestens im dritten Quartal 2010. Der
Hintergrund dafür ist eigentlich ein positiver, denn die
Konjunktureinschätzungen werden laufend nach oben korrigiert. Und
sogar die US-Arbeitslosenrate sank zuletzt zur Überraschung aller
Experten um 0,2 Prozentpunkte auf zehn Prozent. Zwar darf dabei nicht
außer Acht gelassen werden, dass der Hauptgrund für die fallende Rate
im Anstieg von Teilzeitarbeit begründet ist, aber für ein "Hakerl"
unter der US-Rezession kann die Arbeitsmarktbilanz allemal herhalten.

Tatsächlich macht es Sinn, sich über die Folgen einer Zinswende noch
im alten Jahr den Kopf zu zerbrechen. Denn eines ist gewiss: Ein
Großteil der Börsenerholung ging allein auf das Konto der offenen
Liquiditätsschleusen der Notenbanken. Abzulesen ist das vor allem am
Kurs des US-Dollars, der sich im Gegensatz zu den Aktienkursen
täglich verbilligte. Hintergrund dafür sind Carry Trades, also
günstig geliehene Dollars, die gegen höher verzinste Währungen
getauscht wurden, oder somit in faktisch alle anderen Assetklassen
strömten - so auch in Richtung "sicheres" Gold. Sobald also die
Marktmeinung von steigenden Dollar-Zinsen ausgeht, dreht sich das
Spiel wieder um. Carry Trades werden rückabgewickelt, und der
Greenback beginnt zu steigen. Abzulesen ist dieses Schauspiel seit
Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten am Freitag, übrigens am
deutlichsten bei Gold.

Das Abwürgen der Hausse an den Börsen ist aber nur ein Problem. Das
zweite spielt sich Tag für Tag in der Realwirtschaft ab. Dort müssen
sich selbst Bankkunden mit guter Bonität über saftige Zinsaufschläge
ärgern. Und dieser Umstand wird sich 2010 nicht bessern, denn neben
den drohenden Zinserhöhungen laufen auch andere Liquiditätsmaßnahmen
der Notenbanken aus, die einzig und allein der Stabilisierung des
Bankensektors dienten und mit denen sich die Institute jüngst
aufgrund der Zinsspreads eine "goldene Nase" verdient haben. Insofern
ist ein "Double Dip", also eine Neuauflage der Krise, noch lange
nicht vom Tisch.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Tel.: Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

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