"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Die Fähigkeiten, die im Moment gefragt sind"

Seine Zähigkeit wird dem künftigen EU-Kommissar Hahn in Brüssel nützen.

Wien (OTS) - Er war angeblich die "dritte Wahl", eine
koalitionäre Notlösung für Brüssel. In EU-Kreisen herrschte laut Süddeutscher Zeitung das "blanke Entsetzen über diese Personalie." Der ganze Vorgang beweise, "dass der Regierung Europa derzeit nicht wichtig ist."
Das war kein vorzeitiger Abgesang auf Gio Hahn, sondern die Vorhersage für Günther Oettinger. Der deutsche Politiker (DCU) wurde lange heftig angezweifelt.
Jetzt bekam er das Energieressort, eines der wichtigsten in der EU-Kommission. "Neue Energie für Europa!", schallt es nun durch den deutschen Blätterwald.
In Österreich war der Vorgang ähnlich. Zuerst das Gezerre um die Nominierung, der würdelose Streit um Ex-Vizekanzler Molterer, den die SPÖ nicht wollte, und die Bürgerliche Ferrero-Waldner, die sich die ÖVP nicht aufzwingen lassen wollte. Dann tauchte als Kompromiss der Name Hahn auf (zuerst im KURIER, 18. September).
Da werde nicht viel herauskommen, munkelten die Insider, denn das Kleinreden gehört zum Nationalcharakter wie die Großmäuligkeit. Gestern präsentierte ihn Kommissionschef Barroso als neuen Regionalkommissar. Der 51-jährige Wiener wird für den größten Budgetposten der Europäischen Union zuständig sein.

Henry Ford hat einmal gesagt: "Erfolg besteht darin, dass man genau die Fähigkeiten hat, die im Moment gefragt sind". Hahn hat eine Eigenschaft, die in Brüssel überlebenswichtig ist:

Zähigkeit. Die hat er oft bewiesen. Er überwand eine Krebserkrankung und stellte sich verschiedensten beruflichen Herausforderungen. Der studierte Philosoph versuchte, der Wiener ÖVP ein liberales Image zu geben; er war Boss beim Glücksspielkonzern Novomatic; und er wagte den Gang in die Bundespolitik, wo er zuletzt mit den streikenden Studenten Zores hatte.
Seine Ausdauer, Anpassungsfähigkeit und ein gewisser "Wiener Schmäh" erwiesen sich stets als nützlich. Barroso traut Hahn zu, dass er damit gute Ergebnisse schafft.
Die Aufgabe ist groß genug. Im Eurosprech lautet der Arbeitsauftrag, "den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt durch Verringerung der Entwicklungsunterschiede zwischen Regionen und Mitgliedsstaaten zu stärken". Es geht, grob gesagt, um innereuropäische Entwicklungshilfe.
Hahn sitzt auf einem riesigen Geldtopf, der alle denkbaren Begehrlichkeiten weckt. Hauptzielgebiete sind die strukturschwachen Staaten Ost- und Mitteleuropas. Hahn bekam den EU-Posten wohl auch wegen der mentalen, wirtschaftlichen und kulturellen Nähe Österreichs zu diesen Ländern.
Die Regionalpolitik ist ein Treibsatz für Beschäftigung und Wachstum. Doch zu Hahns Aufgaben wird auch das Neinsagen gehören. Er hat kein Füllhorn. Weil das nicht alle potenzielle Empfänger so sehen, stehen ihm harte Auseinandersetzungen bevor. Doch wer mit heiler Haut die Wiener Stadt- und die österreichische Innenpolitik überstand, muss in Brüssel nicht bangen.

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