Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Der große Bluff"

Ausgabe vom 26. November 2009

Wien (OTS) - Wer glaubt, dass beim kommenden Klimaschutzgipfel in Kopenhagen die Welt gerettet wird, muss sich eines Besseren belehren lassen. Es wird dort nur vordergründig um die Reduzierung von Schadstoffen gehen, in Wahrheit geht es um beinharte wirtschaftliche Interessen.

Gerade beim Umweltschutz wird gelogen, dass sich die Balken biegen. China tue alles, um die Umwelt-Situation zu verbessern, sagte kürzlich ein Offizieller der Volksrepublik. Millionenstädte ohne Kläranlagen und die riesigen Schwelbrände in Kohle-Abbaugebieten sprechen eine andere Sprache.

Die im Vergleich zu Europa erschreckend ent-industrialisierten USA haben nun ein Ziel vorgeschlagen: Minus 17 Prozent CO2-Emissionen bis 2020 - auf Basis von 2005.

Für die USA machbar, für Europas Industrie eine echte Anstrengung. Die asiatischen und südamerikanischen Länder können sich die Hände reiben, sie werden einen Teil der aus Europa absiedelnden Industrie "erben".

Für den Planeten bedeutet das gar nichts: Ob der Schlot in Sao Paulo raucht oder in St. Pölten, ist fürs Weltklima ziemlich egal.

Denn bei der Konferenz in Kopenhagen - die aus Marketing-Überlegungen jetzt schon als Erfolg bezeichnet wird - werden die Buchhalter regieren, nicht die Strategen. Eine Verbesserung der Energieeffizienz in ukrainischen Uralt-Stahlfabriken brächte mehr als der 14. Filter bei der voestalpine in Linz. Aber es gibt keinen globalen Fonds, der das Geld für Umwelt-Vorhaben dort einsetzt, wo es am dringendsten gebraucht wird. Der Internationale Währungsfonds, gespeist von fast allen Ländern, kann dagegen Hunderte Milliarden Dollar aufbringen, um Länder vor der Finanz-Pleite zu bewahren. Vor der Umwelt-Pleite wird niemand bewahrt, oder gewarnt.

Ist das Öko-System weniger wert als das Finanzsystem? Nein, nein, sagen die Regierungen. Ja, ja, sagen deren Taten. Der Kopenhagener Gipfel wird als Erfolg verkauft werden (sonst würden die Staatschefs gar nicht hinfahren). Dem Planeten selbst bleibt aber nur der aufmunternde Spruch eines NASA-Experten, der kürzlich anerkennend meinte, der "Planet habe sich in den vergangenen vier Milliarden Jahren sehr gut geschlagen."

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